Der Stand der Dinge

Es war einmal vor langer Zeit… als ich Gefallen an der Flucht aus dem Sumpf Bielefeld fand. In vielen überwucherten Ecken gab es verfallene Bauernhäuser, historische Industrieruinen, überwucherte Bunker und majestätische Villen, die mir ebendies ermöglichten. Eine kurze Zeit war es möglich in einen fremden Mikrokosmos einzutauchen, die Ruhe und die Abwesenheit von Menschen, die einem Urlaub gleichkommt, einzuatmen und den Kopf vom Wahnsinn des Alltags zu befreien. An viele dieser Erlebnisse denke ich ein wenig wehmütig zurück. Die Spannung “ungesehen” zu bleiben, keinen Laut von sich zugeben, an Stellen zu sein, wo seit Ewigkeiten keine Menschenseele war, zu sehen was sich hinter dem Bekannten verbarg, war mein Antrieb.

Doch diese Rückzugsorte in meiner Heimatstadt fallen wie die Fliegen. Die Reste der Bielefelder Industrie sind weggeschmolzen, überbaut und von Bielefeld assimiliert worden. Freizeitgewerbe, als “Schandflecke” gebranntmarkt, werden unter Zwang entfernt oder fangen “spontan” an zu brennen. Sogar zuvor genutzte historische Stätten stehen dem städtischen Geltungsbedürfnis im Wege und müssen durch “attraktive” Wohnblocks oder Aldi-Filialen ersetzt werden. Industriezeugnisse verwandeln sich in “Begegnunszentren” in denen einem mit Ablehnung begegnet wird. Anderen Zeitzeugen aus Beton wird die historische Wichtigkeit verwehrt, da die “Opferrolle der damaligen Nutzer” als unklar dargestellt wird. Sie werden nahezu verdammt und der gemeine Anwohner begrüsst den Umbau oder Abriss. Die sichtbare Geschichte Bielefelds schmilzt dahin. Sogar im Kleinen ist der Schwund sichtbar. Historische Laternen, Brücken, Mühlen, Bäder sind unwiederbringlich verloren.

Der Stadt entgleitet die historische Ruhe, wird vollgestopft mit Modernität, getarnt als “Restaurierung”. Das Wahrzeichen der Stadt, einst einer der wenigen offiziellen Plätze um die Hektik der Stadt abzulegen, wirkt sauber, modern, touristisch. Lange war ich nichtmehr dort. Für mich verliert sich die Stadt.

Spürbar…

Doch gerade jetzt braucht meine Heimat die verlorene Ruhe. Mehr als noch vor einigen Jahren. Das Verschwinden der Entspannung begünstigt den Verfall. Die Menschen werden schneller, lauter, eigensinniger. Die Ignoranz, das Miteinander nicht mit Respekt, Fairness und echter Toleranz zu garnieren, wächst spürbar. Man gerät in Situationen, die nicht klärbar zu sein scheinen und will man sich ausserhalb der eigenen Festung zurückziehen, fehlen die Orte. Dort klaffen Baugruben oder stehen stacheldrahtbewehrte Zäune. Anwohner tolerieren mich als Besucher nicht. Es wird die Exekutive gerufen, denn wer will schon, dass möglicherweise ein junger Mensch in der Ruine nebenan sein Leben verliert. Denn selbst im am wenigsten bekannten Leerstand der Stadt ist am Wochenende reger Durchgangsverkehr.

Wo finde ich meine Ruhe?

Ich will geniessen, auftanken, die Natur spüren oder einfach nur alleine durch den Wald streifen. Doch auch dort dreht sich der Wind, angefahren von Radfahrern oder beschimpft von Förstern, trifft man Geocacher, Sondengänger, Müllablader, wird verfolgt von Schrottdieben; es gibt keine Tiere zu entdecken wenn Horden von Joggern, Walkern, Kindergartengruppen durchs Unterholz marodieren. Ein Helfer ist nur das Wetter. Regnet es bleibt das hippe Bielefeld zu hause. Genau wie meine Kamera. Doch das Foto ist nicht meine treibende Kraft. Es war mein Werkzeug um andere teilhaben zu lassen. Das Werkzeug mutiert zum Fluch. Ich möchte informieren und lasse Fotos und Informationen Hand in Hand gehen. Doch fördere ich den Ruinentourismus mit jeder Information zu viel. Nach den letzten Veröffentlichungen tauchten diese Objekte in facebook-Galerien auf. Der Niedergang stieg daraufhin expotentiell an. Müll, Diebstahl, Vandalismus… als hätten zwielichtige Gestalten nur darauf gewartet dort einzudringen. Erschreckt musste ich meine Ziele überdenken, die Leichtigkeit und der Spass an der Sache bekam einen schalen Beigeschmack, die Kamera blieb zu hause. Doch der Blick durch den Sucher fehlte mir. Auch die fotografische Herausforderung abseits der Zivilisation verschaffte mir Entspannung. Es schärft den Blick, läd zum umschauen ein.

Ich musste erst in den dänischen Norden fahren um “es wieder zu fühlen”, um “runterzukommen”. Dort verdeutlichten sich allerdings auch die daheimgebliebenen Misstände erneut und frustriert betrat ich Wochen später wieder deutschen Boden. Empfangen wurde ich vom allbekannten, von einem Zustand den ich weiterhin als unbefriedigend empfinde.

Doch es gibt einen Silberstreif am Horizont…

Es gibt einen Menschen der mir Ruhe verschafft, mich unterstützt und leitet, zwei Fellviecher die jeden Spaziergang besonders machen. Zusammen lassen wir uns durch den urbanen Wahnsinn treiben, umspült vom Neid des Ottonormalmenschen… habe ich meinen Ruhepol immer bei mir und das macht mir das Leben lebenswert.

Ohne dich wär ich nich… ich liebe dich.

9 Antworten auf Der Stand der Dinge

  1. Vio van B.

    Danke mein Schatz,

    Für deine Worte, deine Formulierung… Dafür das du trotz allem immer versucht, jedem seine Freiheit zu gönnen.
    Danke das du mir die Natur näher gebracht hast und das ich Deutschland jetzt nicht nur in Form von Autobahnen kenne. danke das ich durch dich, jeden Tag zwei Nasen bei mir hab die mir das warten auf dich versüßen.
    Danke das du dich in deiner Meinung nicht beirren lässt.
    Danke für jede Blase die ich mir mit dir erlaufen haben, danke für jedes mal wo ich keuchend oben auf dem Berg ankomme. Dafür das meine Klaustrophobie mit jedem mal wo ich mit dir wo rein krieche abnimmt. Für die vielen schönen Orte und Erlebnisse. Für Spektakuläre Aussichten und einer ganzen Festplatte voller Erinnerungen an mittlerweile 6 Jahre an deiner Seite.
    Ohne dich wäre hier alles doof.
    Ich liebe dich und unsere Fellviecher.
    Und du weist, wenn dich wer nervt, dann hast du deinen kleinen Kampfzwerg an deiner Seite. Ich mache den Weg frei….
    Liebe dich

  2. Jan

    Hallo Phil,

    bin heute über Schiessstand am […] Berg auf deine Seite gestoßen und habe dann hier gleich das große Lamemto gelesen. Ja, verstehe dich zu einem gewissen Teil, aber wie steht es so schön an der A5: Ihr steht nicht im Stau – Ihr seid der Stau.

    Ja, auch ich freue mich an den ruhigen Ecken in Bielefeld, aber ich ehr weil ich neue Laufstrecken suche. Und wenn ich dann was Interessantes sehe, finde ich das doppelt schön (weisst du, was mal auf diesem Denkmalsockel ganz oben auf dem […] Berg stand?).

    Aber: Nach deiner Auslegung bin ich Jogger und “nehme” dir deinen ruhigen Platz irgendwie weg. Einerseits ist das richtig, wenn ich da laufe, wo du gerne ganz alleine wärst, dann klappt das nicht mehr. Andersherum wird aber auch ein Schuh draus: Ich finde zuviele Hunde auf meinen Laufwegen auch eher störend. Insofern ist das Umgekehrte dann auch wahr: Auch deine Anwesenheit in der Abgeschiedenheit nimmt ihr einen Teil der Abgeschiedenheit, was dann vielleicht jemand anderen stört. Ergo: wenn man Dinge so ganz abgeschieden will, dann darf man zuerst mal selbst nicht hingehen – denn meine Handlungen kann ich ja beeinflussen, die der anderen kann ich mehr oder weniger öffentlich beklagen, aber das war’s dann auch. Oder andersherum: Wenn ich selbst da hingehe, mit welchem Recht will ich es den anderen verbieten?

    Aber ab davon, dass ich dir hier nicht vorbehaltlos zustimme, finde ich deine Webseite phänomenal, eine Reihe Dinge kenne ich natürlich von meinen eigenen Wegen in und um Bielefeld, aber vieles ist mir auch komplett neu. Faszinierend, vielen Dank!

    Gruß,
    Jan

    • Hallo Jan,

      erstmal danke für das Lob.
      Ich möchte mit meinem Text Menschen wie dich nicht runtermachen.
      Der Punkt der mein Problem ausmacht ist genau der gleiche den du hast.
      Zitat: “Ich finde zuviele Hunde auf meinen Laufwegen auch eher störend.”
      Zuviel ist das Problem. Ich verurteile den Jogger an sich nicht. Aber wenn es Gruppen von gefühlten 20 Mann sind, die immer die selbe “Abkürzung” durch den Wald nehmen, bis neue Wege entstehen, dann ist das nicht gut. Dazu kommt das miese Benehmen der Menschen, wenn man solche Dinge anspricht. Ich wette , die meisten der Hundebesitzer die du auf deinen Joggingtouren triffst haben weder von Hundehaltung Ahnung, noch sind diese Leute in irgendeiner Weise kritikfähig. Ich als Hundebesitzer habe genauso ein Problem mit 80% der anderen Hundebesitzer.

      Lange Rede kurzer Sinn: Es geht mir nicht darum Einzelpersonen zu diffamieren, sondern diese “Massenbewegungen” und den Verfall des guten Benehmens anzuprangern.
      Ich merke schon wie ich dünnhäutiger werde, weil mir jeden Tag mindestens 3 Menschen so dumm kommen, dass man am liebsten losprügeln wollen würde.

      Gruss… Phil…

  3. Chris

    Moin,

    Du sprichst uns/mir aus dem Herzen. Immer auf der Suche nach einem ruhigen Fleck, immer wieder die Enttäuschung.

    Ein Schweizer brachte es uns auf den Punkt, willst du Ruhe, musst du rauf (auf den Berg).
    Alles was nicht ohne Fleiß und Schweiß erreichbar ist, ist verseucht.

    Geotagger, prinzipiell nicht verwerflich. Man wird animiert heraus zu gehen.
    Aber sie tauchen überall auf wo man sie nicht haben will.

    Stille süße Stille, … du bist so verloren.

  4. Bitter

    Dito, geht mir auch so, auch das mit der Fellschnauzte, lass Dich nicht runterkriegen vom Ottonormalspießermitbürger.
    Gruß

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