Jugendhof

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Dieses Ensemble, bestehend aus einem grossen Haupthaus mit Wintergarten, 2 kleineren Wohnhäusern, einigen kleinen Baracken und einer komplett verwilderten Park-, Freizeit- und Badeanlage, war einst ein Jugendheim. Der Begriff „Jugendhof“ ist etwas irreführend, da es sich eher um eine Art Internat gehandelt hat.

Im Zeitraum von 1949 bis 1975 waren in Deutschland etwa 500.000 Kinder und Jugendliche in konfessionellen Heimen untergebracht. Die Heime lagen meist örtlich sehr abgeschieden und die damalige Gesellschaft brachte nur wenig Aufmerksamkeit und Ressourcen für diese damals so genannten „Problemkinder“ auf. Vom gesellschaftlichen Leben vielfach ausgeschlossen wuchsen sie in isolierten Systemen auf. Ihre Probleme, Sorgen und Nöte wurden nicht beachtet und kamen erst 2009 mit der Einrichtung des „Runden Tisches Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“ in den Blickwinkel des öffentlichen Interesses.

Im Hinblick auf den Umgang mit körperlicher Gewalt sind zwei Zitate der Untersuchung besonders bedeutsam. Erstens: Ein Jugendlicher schildert im Sommer 1959 bei der Polizei in Bielefeld brutale Erziehungsmethoden im Jugendhof: „Bei besonderen Anlässen nimmt sich der Erzieher E. den Betreffenden mit zur Toilette, wo er ihn dann verhaut. Ich möchte sagen, dass E. besonders schlimm in dieser Beziehung ist. M.E. wird meistens ohne Grund geschlagen, wodurch man dickköpfig und stur wird. Man ist den Erziehern dann ausgeliefert, ob man im Recht oder Unrecht ist, man hat keine Gelegenheit, die Angelegenheit richtig zu stellen.“

Mit dem Hinsehen, wo man lieber wegsehen möchte, allein ist es allerdings nicht getan. An dieser Stelle schließt nun das zweite Zitat an: Der Heimleiter Peter L. macht im April 1973 im Strafbuch der Gruppe Berlin folgende Eintragung: „Durch diese Unternehmen war ich so erregt, dass (sic!) S. als dem Hauptbeteiligten einige Ohrfeigen gab. Ich halte die Ohrfeigen für keine pädagogische Möglichkeit und habe dem Jungen heute Abend gesagt, dass mir mein Verhalten und die Ohrfeigen leid täten.“

Ich zeige hier die Gebäude des alten Jugenheimes, folgend als „Jugendhof I“ bezeichnet.
Das Urheberrecht der alten Fotos liegt beim Evangelischen Johanneswerk.

Die Vorgeschichte des Jugendhofs
Der Ortsverband für Innere Mission Bielefeld unter der Leitung von Pastor Karl Pawlowski gründete 1931 den Jugendhof als Einrichtung des Freiwilligen Ev. Arbeitsdienstes. Arbeitslose junge Männer bauten dort im Wald ein Barackenlager auf und machten den Boden für landwirtschaftliche Zwecke nutzbar. Nach dem Verbot der kirchlichen Arbeitsdienste 1933 plante die lippische Landesregierung zunächst, im Jugendhof ein „Schutzhaftlager“ einzurichten. Das Vorhaben wurde jedoch nicht realisiert. Der Jugendhof blieb in der Trägerschaft des Ortsverbandes und wurde verschieden genutzt. Es gab dort z.B. Lehrerfortbildungen und Freizeiten für Schulklassen. In den Kriegsjahren lebten überwiegend alte Menschen im Jugendhof. Im September 1945 berichtete Pawlowski noch, im Jugendhof seien 60 Alte untergebracht. In den folgenden Jahren kamen dann heimat‐ und elternlose Flüchtlingskinder dazu, die in der Regel nach einiger Zeit in Pflegefamilien kamen. Es blieben jedoch immer Kinder, die nicht in Familienpflegestellen untergebracht werden konnten. Daraus entwickelte sich die Nutzung des Jugendhof als „Dauerkinderheim“.

Der Jugendhof als Kinder‐ und Altersheim (ca. 1947 – 1955)Notunterkunft in den Nachkriegsjahren
In den ersten Nachkriegsjahren lebten Kinder und alte Männer im Jugendhof zusammen. 1948 standen dort rund 90 Plätze zur Verfügung. Die räumliche Unterbringung war denkbar einfach. Pastor Karl Pawlowski (1898‐1964) war seit 1926 der Leiter des Ortsverbandes für Innere Mission Bielefeld. 1951 gründete er das Ev. Johanneswerk, dessen geschäftsführende Leitung er bis zu seinem Tod im August 1964 innehatte. Die alten Männer wohnten in einer Baracke, die über zwei Schlafsäle, einen Wohnraum und eine Badewanne mit Kohlefeuerung verfügten. In weiteren Baracken befanden sich große Schlafräume für je ca. 25 Kinder. Sanitäre Anlagen gab es dort nicht; die Kinder benutzten sogenannte „Wald‐Klos“. Die jüngsten Kinder bildeten in einem Nebenhaus eine eigene Gruppe unter der Leitung einer Kindergärtnerin. Für die Schulkinder gab es eine kleine Heimschule, die den Status einer öffentlichen Volksschule hatte. Sie bestand aus einem Schulraum ebenfalls in einer der Baracken. Zwei von der Schulbehörde entsandte Lehrer unterrichteten dort die 1. bis 8. Klasse. Zum Jugendhof gehörte ein kleiner landwirtschaftlicher Betrieb, der auch bewirtschaftet wurde. Heimleiter war seit Ende 1945 der Nazareth‐Diakon Heinrich A.7, ein junger Mann, dessen Ausbildung zum Diakon noch nicht abgeschlossen war. Nach der Währungsreform entstand mit Hilfe eines Wiederaufbaukredits 1949 ein kleiner Neubau (das sogenannte Haupthaus), der etwas bessere Bedingungen bot. Rund 40 Kinder konnten dort untergebracht werden. Das Haupthaus verfügte über eine Küche, einen Speisesaal und einen Aufenthaltsraum. Im Keller befanden sich ein Waschraum und Toiletten. Allerdings gab es auch in diesem neuen Gebäude einen Schlafsaal mit mehr als 20 Betten. Überwiegend war der Jugendhof weiterhin eine Notunterkunft. Dr. Ludwig Landsberg vom Düsseldorfer Sozialministerium, der im Sommer 1949 den Jugendhof besuchte, stellte fest, die Baracken seien für die Unterbringung von Kindern „durchaus unzureichend“. Da in der Nachkriegszeit die Kinderheime überfüllt waren, und eine große Nachfrage nach Heimplätzen für Kinder und Jugendliche herrschte, war der Jugendhof trotzdem überbelegt. Pawlowski wandte sich deshalb wenige Monate nach dem Besuch von Dr. Landsberg an das Sozialministerium und berichtete, die Zahl der Plätze im Jugendhof reiche nicht aus, die Einrichtung müsse erweitert werden. Im Sommer 1950 fand ein Leitungswechsel statt. Heinrich A. stand im Verdacht, einen im Jugendhof lebenden Lehrling missbraucht zu haben und musste deshalb sein Hausvateramt mit sofortiger Wirkung niederlegen. Außerdem wurde er aus der Bruderschaft ausgeschlossen und sollte sich verpflichten, nicht mehr in der Erziehungsarbeit oder in Häusern der Inneren Mission tätig zu werden. Im Juni 1950 übernahm der damals 36‐jährige Nazareth‐Diakon Günter B. die Leitung des Jugendhofs. Nach wie vor gab es aus Düsseldorf immer wieder Kritik an dem teilweise provisorischen Kinderheim, die sich nicht nur auf die räumliche Unterbringung, sondern auch auf die Betreuung der Kinder bezog. Kurz nach dem Leitungswechsel wandte sich Pawlowski deshalb an Nazareth und bat eindringlich darum, möglichst umgehend einen zweiten Diakon als Erzieher in den Jugendhof zu schicken: „Die Erziehung dort lässt viel zu wünschen übrig. Es ist unmöglich, dass ich diesen Zustand im Jugendhof auf die Dauer decken kann. Letztlich waren wieder einige Regierungsvertreter aus Düsseldorf da, die über die Arbeit im Jugendhof ein sehr negatives Urteil abgaben. Bei meinem Aufenthalt neulich in Berleburg wurde ich erneut von einem Oberregierungsrat des Sozialministeriums auf diesen Zustand mangelnder Fürsorge in der Erziehung hingewiesen. Man hat von mir gefordert, voll ausgebildetes Personal einzustellen.“ Nazareth versprach nach Pawlowskis „Hilferuf“ die Entsendung von zwei weiteren Brüdern, um in der Erziehungsarbeit zu einer „einheitlichen Linie“ zu kommen. Wie viele Mitarbeiter in den Nachkriegsjahren für die Kinder zur Verfügung standen, geht aus den bisher vorhandenen Quellen nicht hervor. Es ist jedoch bekannt, dass die Heime damals „unter einer desolaten Personalsituation bei gleichzeitiger Überbelegung“ litten. Vermutlich lebten also nur wenige Betreuer mit den Kindern und Alten im abgelegenen Jugendhof, und „voll ausgebildetes“ Personal war eigentlich kaum zu bekommen. Das Sozialministerium kam in der Folgezeit noch mindestens zwei Mal zu einem „negativen Urteil“ über den Jugendhof. Ende 1950 berichtete Dr. Landsberg, das Heim sei belegt mit 90 Kindern und 25 Alten. Davon seien 50 Kinder in einem zu engen Steinhaus untergebracht. Da die Kinder eine Heimschule besuchten, seien sie darüber hinaus völlig isoliert. Es müsse versucht werden, das Objekt mit in die Soforthilfe zu bringen, obwohl seine Finanzierung nicht zu übersehen sei. Ende 1952 schilderte er nach einem Besuch im Jugendhof erneut die notdürftigen Unterkünfte in den Baracken. Auch der Neubau, bei dessen Planung man viele Fehler gemacht habe, sei keine gute Lösung.

Der Jugendhof als Einrichtung für Kinder und Jugendliche (1956‐1959)Schwieriger Alltag in einer Übergangszeit
1956 begann mit der Einweihung der „Pavillons“ mit je 20 Plätzen, überwiegend in Vierbettzimmern, offiziell die Arbeit mit den schulentlassenen Jugendlichen. Die neuen eingeschossigen Häuser boten nicht mehr als eine einfache Unterbringung mit Versorgungscharakter. In den Schlafräumen waren für jeden Jugendlichen 5 qm Raum vorgesehen. Außer den Schlafräumen hatte jedes Haus für die Jugendlichen einen Tagesraum und einen Waschraum mit zwei Duschen. In beiden Häusern gab es je ein Erzieherzimmer. Der Jugendhof oerlinghausen hatte nun in den verschiedenen Häusern insgesamt 110 Plätze. 40 Jugendliche waren in den Neubauten untergebracht; 70 Kinder lebten im Haupthaus und in den Baracken. Eine Baracke mit 16 Betten wurde nur noch in Notfällen belegt. Friedrich C. war drei Jahre lang Diakonenschüler in Nazareth gewesen, hatte die Ausbildung aber nicht beendet. 1925/26 hatte er an einem Erzieherkurs teilgenommen und war seit den 30er Jahren überwiegend in der Erziehungsarbeit tätig. Eine Entspannung der Situation im Jugendhof bedeutete die Neuaufnahme der Jugendlichen nicht. Es kamen im Gegenteil neue Probleme hinzu. In mehreren Berichten und Briefen an die Verwaltung des Johanneswerks beschrieb Friedrich C. die vielfältigen Probleme dieser Übergangszeit. Die Wohnsituation der Kinder wurde immer schwieriger. In einer Baracke mit schadhaftem Dach und schadhaftem Heizkessel habe man 30 Kinder, „sogar unsere kleinsten“ unterbringen müssen. Weil die Heizung nicht ausreichte, musste oft der Unterricht ausfallen, damit die Kinder nicht erkrankten. Lehrwerkstätten für die Jugendlichen gab es noch nicht, so dass es schwierig war, für diese Gruppe eine Tagesstruktur zu schaffen. „Es geht nicht gut an, dass wir 40 Jungen ins Haus setzen und nur darauf bedacht sind, wie wir unsere Jungen unterhalten“, schrieb der Heimleiter, und im Jahresrückblick Ende 1956: „Es ist nicht so einfach am Morgen mit 50 Jugendlichen dazustehen und keine Möglichkeit zu haben, wo wir sie bei Regen und Schnee beschäftigen konnten. Es fehlte uns der Arbeitsraum für unsere großen Jungen. Alle vorhandenen Bauten waren für die Arbeit mit den kraftstrotzenden Jungen zu klein oder ungeeignet.“ Eine weitere „erhöhte Beanspruchung“ habe es gegeben, als die alten Männer aus Haus Sandforth „aus einem bestimmten Grund“ für einige Wochen im Jugendhof untergebracht werden mussten. Auch im nächsten Jahr waren die meisten Probleme nicht gelöst. Wieder schilderte Friedrich C. die notdürftige Unterbringung der Schulkinder in der „alten Baracke auf dem Berge“. Die sanitären Verhältnisse dort seien bei weitem nicht ausreichend. Auch das Personal müsse zum größten Teil „in primitiven Behausungen“ wohnen. Der Speisesaal sei zu klein, die Mahlzeiten müssten stets „in zwei Arbeitsgängen“ eingenommen werden. Offenbar zeigten die Kinder in dieser Zeit auch sichtbare Spuren der Verwahrlosung. In einem Revisionsbericht des Landesjugendamtes hieß es im Sommer 1956: „Die Jungen, die gerade bei der Arbeit waren, machten kleidungsmäßig keinen besonders guten Eindruck. Es ist hierbei aber zu berücksichtigen, dass man für die Erdarbeiten bei dem schlechten Wetter kaum eine bessere Kleidung fordern kann. […] Hinsichtlich der Klagen der Frau H. über die Kleidung ihrer entwichenen Jungen gab Hausvater C. zu, dass die Schuhe des einen Jungen (hohe Damenschuhe) nicht vertretbar seien“. Bei einer Schuluntersuchung durch das Gesundheitsamt fiel 1957 auf, dass die Kinder sehr schmutzige Hände und Füße hatten, die Kleidung dürftig und unordentlich und die Leibwäsche zum großen Teil schmutzig war. Im Erziehungs‐ und Betreuungsdienst waren zu dieser Zeit nur wenige Mitarbeiter tätig. Das Landesjugendamt berichtete von drei Erziehern, die „einen recht wenig guten Eindruck machen“; in Personallisten des Johanneswerks waren für den gesamten Jugendhof durchschnittlich sechs bis sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgeführt, die als „Heimhelfer“ bezeichnet wurden und in der Regel keine besondere Fachausbildung hatten. Als „Hilfserzieher“ wurde auch der damals etwa 20‐jährige Sohn der Hauseltern genannt, der gelernter Maurer war. Manche Heimhelfer blieben nur wenige Wochen oder Monate, so dass ständig neue Mitarbeiter gesucht wurden. Der Aufbau stabiler Beziehungen zwischen den Kindern und dem Betreuungspersonal war in dieser Situation nicht möglich. In einer Gruppe waren bis zu 25 Kinder oder Jugendliche zusammengefasst. Während die Plätze für Jugendliche ständig belegt waren, ging die Zahl der Schulkinder langsam zurück. Anders als ursprünglich geplant, kamen die meisten Jugendlichen nicht im Rahmen der freiwilligen Erziehungshilfe, sondern waren zur Fürsorgeerziehung eingewiesen. Als Gründe für die Einweisung wurden 1958 u.a. Diebstahl, Arbeitsscheu, Verwahrlosung und Herumstreunen genannt.

Krise Ende der 50er Jahre
Noch während diese Pläne entwickelt und verfolgt wurden, spitzte sich die Situation im Jugendhof zu. Die Zahl der Schulkinder war weiterhin rückläufig. Im Sommer 1958 wohnten noch 25 Kinder in der alten Baracke, die sich in einem „sehr schlechten Zustand“ befand. Dr. Scheuner wollte „unter keinen Umständen dulden“, dass die Kinder noch einen weiteren Winter in dieser „menschenunwürdigen Unterkunft“ verbrachten. Aus Detmold kam ein Schreiben des Regierungspräsidenten, der ebenfalls die „überalterte“ Baracke bemängelte. Die Zukunft des Kinderheims war ungewiss. Das Johanneswerk plante, die Kinder aus der Baracke nach Grünau zu verlegen, bis im Jugendhof durch den Neubau bessere Bedingungen geschaffen waren. Mehrfach kam es deshalb zu Verhandlungen mit Dr. Scheuner und der leitenden Schwester des Kinderheims Grünau, ohne dass bis zum Winter eine für alle Seiten akzeptable Lösung gefunden wurde. Der großzügige Neubau für die Jugendlichen war dagegen verbindlich geplant, so dass schon eine größere Anzahl Jugendlicher in den Jugendhof aufgenommen wurde. In den beiden Pavillons, ursprünglich für 40 Jungen geplant, wohnten Anfang 1959 61 Jugendliche auf engstem Raum. Weitere 16 Jungen waren im Haupthaus untergebracht. Der Johanneswerk‐Revisor Dr. Walter D., der den Jugendhof im Januar 1959 besuchte, bemängelte zwar die Unterbringung der Kinder und Jugendlichen und des Personals als teilweise „unzureichend und verbesserungsbedürftig“, meinte aber, dass hier mit der Errichtung der geplanten Neubauten eine wesentliche Änderung eintrete. Ein weiterer Mangel war die Personalausstattung: „Insgesamt 5 Erzieher für 77 Jugendliche sind nicht ausreichend. Nach den Bestimmungen sollen für 10 Jugendliche 1 Erzieher zur Verfügung sein“. Ansonsten war er mit dem Ergebnis seiner Prüfung durchaus zufrieden. Alle Jugendlichen waren beschäftigt; die meisten in der Landwirtschaft und der Gärtnerei, einige in den Handwerksbetrieben und einige in Küche und Hauswirtschaft. Das Resümee lautete: „Eine Besichtigung der Heime und der Betriebswerkstätten zeigten, dass die Insassen in guter Zucht gehalten werden. Die Räume waren sauber und ordentlich aufgeräumt. Für die Betriebe liegen ausreichend Arbeiten zur Beschäftigung der Jugendlichen vor.“ Trotz dieser Perspektive kam es im Verlauf des Jahres 1959 zu verschiedenen Vorfällen, die den Alltag im Jugendhof in einem weniger guten Licht zeigten. Anfang des Jahres drängte Dr. Scheuner massiv auf eine Auflösung von Kinderheim und Schule. In einem Gespräch mit dem Justitiar des Johanneswerks äußerte sie in diesem Zusammenhang, das Johanneswerk habe die schlechteste Hand für Kinderheime, die sie sich denken könne, und Friedrich C. dürfe nicht Leiter des Neubaus werden. Hintergrund dieser Einschätzung waren vermutlich Beschwerden über den Heimleiter, die dann den weiteren Verlauf des Jahres prägten. Im Frühjahr 1959 wurden das Kinderheim und die Schule geschlossen, da das Landesjugendamt keine Kinder mehr einweisen wollte. Im Gegenzug versprach Dr. Scheuner aber, eine Belegung der Pavillons mit Jugendlichen zu gewährleisten, um die Existenz des Jugendhof zu sichern. Im Sommer 1959 schilderte ein Jugendlicher bei der Polizei in Bielefeld brutale Erziehungsmethoden im Jugendhof. Schläge seien dort an der Tagesordnung: „Bei besonderen Anlässen nimmt sich der Erzieher E. den Betreffenden mit zur Toilette, wo er ihn dann verhaut. Ich möchte sagen, dass E. besonders schlimm in dieser Beziehung ist. M.E. wird meistens ohne Grund geschlagen, wodurch man dickköpfig und stur wird. Man ist den Erziehern dann ausgeliefert, ob man im Recht oder Unrecht ist, man hat keine Gelegenheit, die Angelegenheit richtig zu stellen.“ Er selbst sei von den Erziehern E. und F. mit Fäusten geschlagen und auch getreten worden. Am linken Unterarm habe er eine vier cm lange Narbe, die dadurch entstanden sei, dass der Erzieher E. ihn die Treppe hinauf gestoßen habe. Neben dieser physischen Gewalt seien Beschimpfungen der Jungen wie z.B. „Scheißhaufen“, „dreckiges Individuum“, „geile Böcke“, „geistige Dreckschweine“ üblich. Die Schilderungen des Jugendlichen bezogen sich ausdrücklich auf die beiden genannten Erzieher, nicht auf den Heimleiter Friedrich C.. Der „Erzieher“ Franz E. war zu diesem Zeitpunkt 19 Jahre alt und ohne Ausbildung. Eine Lehre als Verkäufer hatte er nach zwei Jahren abgebrochen. Die Polizei leitete die Aussagen des Jungen an das Johanneswerk weiter und übergab den Vorgang der Staatsanwaltschaft Bielefeld.31 Kurz darauf fand im Jugendhof in dieser Angelegenheit eine Besprechung mit Vertretern des Landesjugendamtes statt, an der für das Johanneswerk der Jurist Dr. Walter D. teilnahm. Das LJA brachte Akten mit Beschwerdebriefen von Jugendlichen bzw. von deren Eltern mit. Aufgegriffen wurde u.a. die Schilderung eines Jungen, er sei von Heimleiter C. so heftig mit dem Rohrstock geschlagen worden, dass Blut an seinen Beinen herunter gelaufen sei. Friedrich C. bestätigte, dem Jugendlichen fünf Schläge mit dem Rohrstock verabreicht zu haben, bestritt jedoch entschieden die blutigen Striemen. Als das Landesjugendamt darauf hinwies, dass Schläge in Erziehungsheimen grundsätzlich verboten seien, folgte eine kontroverse Diskussion. Walter D. notierte darüber: „Über diese Frage erhob sich eine lange Diskussion, da wir uns als Heimträger gegen eine derartige prinzipielle Einstellung wandten. Herr G. gab zu, dass in ganz besonderen Ausnahmefällen der Hausvater ‐ aber nur dieser – den Stock gebrauchen könne. Herr G. musste auch einsehen, dass ein Heimhelfer einem besonders renitenten Burschen mal eine Ohrfeige schlagen dürfte, jedoch soll eine solche Züchtigung auf Ausnahmefälle beschränkt bleiben, was von uns und Hausvater C. auch bestätigt und zugesagt wurde.“Im Anschluss an diese Debatte „vernahm“ das Landesjugendamt die Erzieher E. und F., die beide die protokollierten Vorwürfe des Jugendlichen bestritten. Franz E. beschrieb den Jungen im Gegenzug als Sadisten, der gern „jüngere und schwächere Zöglinge drangsaliere“. Das Landesjugendamt sagte kurz darauf zu, es wolle versuchen, die beiden Erzieher gegenüber der Staatsanwaltschaft „zu decken“, und eine Einstellung des Verfahrens zu erreichen. Allerdings gebe „die Ausstattung und Führung“ des Jugendhofs „zu bedeutenden Beanstandungen Anlass“. Vermutlich waren diese Vorfälle der Grund dafür, dass Heimleiter Friedrich C. ab Oktober 1959 ein Strafbuch führte. Im November 1959 wandte sich ein Staatsanwalt des Detmolder Landgerichts an das Johanneswerk und das Landesjugendamt und trug Beschwerden über Strafmaßnahmen im Jugendhof vor. Ein ehemaliger Zögling hatte Friedrich C. angezeigt, von dem er 25 Stockschläge erhalten habe. Der Heimleiter hatte dieses „weit von der Hand gewiesen“. Weitere Beschwerden bezogen sich auf verdorbenes Essen, rostiges Blechgeschirr, schmutzige Kleidung, Strafmaßnahmen wie Schläge und das Scheren der Köpfe. Im Dezember 1959 besuchte Dr. Scheuner den Jugendhof noch einmal und notierte in Bezug auf die verschiedenen Anzeigen und Beschwerden: „Zu der Angelegenheit W. ist mitzuteilen, dass nach der Rückkehr Entwichener früher wohl öfter geschlagen worden ist, jedoch nicht so unmäßig, wie D. angegeben hat. […] Auch früher sind nicht mehr als 5‐6 Stockschläge gegeben worden, niemals 25, wie D. angibt. Blutige Striemen wurden wohl später festgestellt, aber keinesfalls blutige Stellen. […] Hausvater C. erinnert sich nicht, dass ein Erzieher jemals die körperliche Züchtigung nicht mit ansehen konnte. […] Der Erzieher H. ist vom 7.3.57‐31.8.58 im Heim gewesen. Er war zuerst ganz ordentlich, zeigte jedoch später Neigung zu heftiger Erregung und schlug in dieser Erregung die Jungen öfter.“

Einrichtung der Fürsorgeerziehung für Jugendliche (1960‐1969)Anzeichen der Modernisierung im Jugendhof – erste Hälfte 60er Jahre
Im Herbst 1960 waren die sorgsam geplanten Gebäude fertig und damit ein Neuanfang im Jugendhof möglich. Das Johanneswerk bemühte sich, den „schlechten Ruf“ des Hauses in Vergessenheit geraten zu lassen. Die Leiter einiger Jugendämter und verschiedene Jugendrichter wurden 1961 zu einer größeren Besprechung eingeladen, um wieder ein besseres Verhältnis zu den Jugendämtern herzustellen und „falsche Vorstellungen aus dem Weg zu räumen“. Der Neubau war als „Jugendhof II“ oder „Neu‐Jugendhof“ mit 90 Plätzen ein eigener Bereich unter der Leitung des 49‐jährigen Sozialarbeiters Ulrich I.. Das Johanneswerk hatte im Vorfeld ein graphologisches Gutachten über ihn eingeholt; vermutlich um auf diesem Wege zusätzlich abzusichern, dass man einen geeigneten Bewerber gefunden hatte. Die personelle Besetzung war im neuen Jugendhof deutlich verbessert worden. Im Erziehungsdienst waren fünf ausgebildete Erzieher, drei Erziehungshelfer und ein Praktikant tätig. Damit war das von der Revision im Jahr zuvor angemahnte Verhältnis 1:10 erreicht. Die Gruppen bestanden, wie in der Planung vorgesehen und mit Dr. Scheuner abgestimmt, aus je 18 Jugendlichen. Das Landesjugendamt schrieb an das Johanneswerk, mit der Verbesserung der personellen Besetzung zeige sich im Jugendhof ein „deutlich fühlbarer Wandel“. In der Hauszeitschrift des Johanneswerks „Der Johannesruf“ wurde der Jugendhof 1964 als „moderner, möglichst aufgelockerter Heimbetrieb“ vorgestellt. Die Jungen seien in überschaubaren Gruppen familienähnlich zusammengefasst. Neben den Erziehern bemühe sich auch der Arzt, der Psychologe und der Seelsorger um jeden einzelnen. In ihrer Freizeit konnten die Jungen an verschiedenen Hobbygruppen teilnehmen, wie Laienspiel, Chorsingen oder Werken und es gab einen Tanz‐ und Benimmkurs mit einer Mädchengruppe. 1965 wurde erstmals auf Initiative eines Erziehers ein größeres themenorientiertes Projekt durchgeführt, die sogenannte „Berlin‐Woche“. An drei Abenden setzten die Jugendlichen sich mit den Lebensbedingungen in der DDR, mit der Geschichte Berlins und mit Literatur zu diesen Themen auseinander.

Jugendhof I als zweitklassiger Bereich? – erste Hälfte 60er Jahre
Der Bereich „Jugendhof I“ oder „Alt‐Jugendhof“ bestand aus den beiden Pavillons und dem Haupthaus und verfügte über insgesamt 60 Plätze. Hier waren die „geistig schwächeren“ Jungen untergebracht. Trotz aller Kritik an seiner Person blieb hier Friedrich C. Heimleiter. Obwohl auch im Jugendhof I der gewünschte Personalschlüssel 1:10 erreicht wurde, war die Personalsituation deutlich schlechter. Die sechs dort tätigen Erziehungshelfer hatten keine pädagogische Ausbildung und drei von ihnen waren bereits zwischen 61 und 65 Jahre alt. Die inzwischen von Rüdiger M. geleitete Revision berichtet 1962 über den Jugendhof I, die Räume dort seien „besonders schlicht gehalten“ und in der Erziehungsarbeit gehe es „wohl mit Recht rau aber herzlich“ zu. Welcher Umgangston damit gemeint sein mag und wie die „besonders schlichten“ Räume aussahen, kann nur vermutet werden. Auf jeden Fall war die Raumsituation im älteren Jugendhof deutlich schlechter. Im Haupthaus gab es noch einen großen Raum mit 10 bis 12 Betten, während im Jugendhof II maximal fünf Jugendliche ein Zimmer teilten. In den Pavillons gab es „zweisitzige Toiletten“, die auch von den Erziehern benutzt werden mussten. Auch Freizeit‐Angebote galten nicht unbedingt für beide Bereiche. Die „Berlin‐Woche“ fand nur im Jugendhof II statt. Allerdings gab es den Plan, sie „in kleinerem Rahmen“ im alten Jugendhof zu wiederholen. Die Unterschiede zwischen den beiden Häusern beschrieb Anfang 1966 auch die Oberin des Ev. Johanneswerks: „Haus I: Baracken der Jungen in unmöglichem Zustand. Ein Aufenthaltsraum für alle! Kleidung verwahrlost. Eindruck nicht wie Erziehungsheim, sondern lediglich Bewahranstalt. Ton: befehlsmäßig! Keine Freizeitbeschäftigung, außer Fernsehen, keine Berufsausbildung möglich! Haus II: neueres Haus, Gruppen kleiner, Gemeinschaftsraum für jede Gruppe. Räume und Kleidung freundlicher. Wirtschaftsräume zufriedenstellend. Personal führt nur Aufsicht, isst nicht mit den Jungen. Wenig Vorbildung für die Erziehungsaufgabe.“

[Fotos aus dem Jahr 2012]

Offizielle Strafen
Nachdem der Jugendhof und das Johanneswerk als Träger das Recht aller Erzieher und Helfer auf gelegentliches Schlagen 1959 energisch verteidigt hatte, führte die Einrichtung Strafbücher, die von Zeit zu Zeit vom Landesjugendamt durchgesehen und abgezeichnet wurden. Erhalten sind ein Strafbuch von Jugendhof I (Friedrich C.), das von 1959 bis 1969 geführt wurde, ein Strafbuch von Jugendhof II (Ulrich I./Werner K.), von 1962 bis 1967 und ein Strafbuch der Gruppe Berlin im Jugendhof II (Peter L.), von 1967 bis 1973.65 Die eingetragenen Strafen in Jugendhof I und II sind bis 1967 ähnlich; üblich waren drei bis sieben Stockschläge, ein bis fünf Ohrfeigen und ein bis drei Tage Arrest. Auch die Gründe waren ähnlich: provozierendes Verhalten, Arbeitsverweigerung, Lügen, Diebstahl, unerlaubtes Rauchen, verschiedene Formen „unsittlichen“ Handelns, Übergriffe auf andere Jugendliche. Ein häufiger Grund waren Fluchtversuche, die in beiden Häusern mit drei Tagen Arrest bestraft werden. Bei Friedrich C. kamen dazu oft ein oder zwei Nächte „Hartlager“. C. beschrieb die einzelnen Vorfälle relativ ausführlich: „Wegen Prahlerei und herausfordernder Reden erhielt B. ein paar Ohrfeigen. (1.12.1961) – G. hatte sich in unsittlicher Weise einem 8jährigen Mädchen genähert. Auf dem Wege zum Jugendhof holte er das Kind an sich u. forderte es auf an seinem Geschlechtsteil zu spielen. Als das Mädchen merkte um was es dabei ging lief es schnell von dem Jungen weg. G. wurde mit 5 Stockschlägen u. drei Tagen Absonderung bestraft. (20.12.1961) – R. erhielt wegen Flucht aus dem Heim 3 Tage Absonderung u. 2 Nächte Hartlager. (31.12.1961) – S. wurde mit 3 Tagen verschärfter Absonderung bestraft, weil er bei Entwässerungsarbeiten ein Rohr nach Feierabend mit der Absicht geöffnet hatte, dass die Arbeitsgruppe am anderen Tag dort nicht eingesetzt werden konnte. (10.2.1962)

Jugendhof II führte ein Strafbuch in tabellarischer Form:
Datum – Name – Strafart – warum

1.5.66 W.Arrest Entw.
9.5.66 5 Stockschl. Anderen Jugendl. im Schlaf mißgestaltend die Haare beschnitten.
10.5.66 5 Backenstr. Lügen u. grobe Widersetzlichk. Um 23.00h ruhestörender Lärm
12.5.66 5 Backenstr. Frech u. aggressiv gegenüber dem Erzieh. Mit d. Worten: „Spinn doch nicht rum.“
16.5.66 1 ½ Tage Arrest Arbeitsbummelei, Verlassen d. Dienststelle

Nur selten gab es Eintragungen, die von diesen offiziellen Strafen abwichen: in Jugendhof I wurde ein Junge, der jede Gelegenheit zur Flucht nutzte, bis zu seiner Verlegung nach Benninghausen zehn Tage isoliert. In Jugendhof II erhielt ein Jugendlicher wegen Lügen und Vertrauensmissbrauchs „2 x 5 Ohrfeigen“. Für den Jugendhof II vermerkte das Landesjugendamt 1968: „Körperliche Strafen werden grundsätzlich abgelehnt, sie kommen auch nur selten vor.“ Zumindest ein bis vier Ohrfeigen wurden dennoch im Strafbuch der Gruppe Berlin weiterhin dokumentiert. Stockschläge gab es allerdings wohl nicht mehr. Flucht wurde nach wie vor mit drei Tagen Isolierung bestraft. Häufiger gab es nun Strafen wie Fußballverbot, Aufsätze schreiben („Wie achte ich auf meine Sachen“ oder „Warum darf ich nicht rauchen“), Reinigungsarbeiten, Fernsehverbot, „Sonderarbeiten“. Da die Jugendlichen nun zu festgelegten Zeiten Ausgang hatten, gab es gelegentlich Übertretungen dieser Zeit und die Ausgangssperre als weitere Strafmaßnahme. Die Gründe für Strafen blieben ähnlich: provozierendes Benehmen, Arbeitsverweigerung, unerlaubtes Rauchen oder Fernsehen. Strafen wegen „unsittlichen Verhaltens“ gab es nicht mehr. Ab 1971 gibt es Hinweise darauf, dass einzelne Vorfälle intensiver diskutiert wurden: „N. hat am 28.8. seinen Ausgang um 9 ½ Std. überzogen. Aufgrund eines Gruppenbeschlusses im Gruppengespräch am Montag, 30.8. bekommt er 4 Wochen Ausgangssperre, die 6 Wochen auf Bewährung ausgesetzt ist“. 1972 stellte sich nach dem Fluchtversuch eines Jungen im Gruppengespräch heraus, dass dieser Junge von mehreren Gruppenmitgliedern „ignoriert und geärgert“ wurde. Peter L. notierte: „Eine harte Strafe war in diesem Fall nicht angebracht.“ Die sogenannten „Entweichungen“ der Jugendlichen blieben in dem hier betrachteten Zeitraum ein Problem. In der Krisenzeit um 1959 war die Zahl der Fluchtversuche offenbar ungewöhnlich hoch, so dass einige Jugendämter den Heidequell nicht mehr belegen wollten. Zum Teil wurden die räumlichen Gegebenheiten dafür verantwortlich gemacht, denn die verstreute Lage der Gebäude machte es erforderlich, dass die Jugendlichen im Lauf des Tages verschiedene Wege zurücklegten. Auch vom Hof aus nutzten einige Jugendliche die Gelegenheit zur Flucht. Als Ende der 50er Jahre die Pläne für den Neubau beraten wurden, lobte Dr. Scheuner die „geschlossene Bauweise“, die vielleicht die Gefahr des Entweichens ein wenig eindämme. Friedrich C. forderte 1960 eine geschlossene Abteilung für Jugendliche, die immer wieder Fluchtversuche unternahmen. Es kam in den 60er Jahren weiterhin zu spektakulären Entweichungen ganzer Gruppen aus dem Jugendhof. Ende 1962 überwältigten in Jugendhof I mehrere Jugendliche einen Erzieher, nahmen ihm die Geldbörse ab und flohen mit dem heimeigenen Unimog. Wenige Stunden später verunglückten sie. Bei der Polizei benannten die Jungen die Zustände im Jugendhof als Grund für die Flucht: „Der Aufenthalt im Fürsorgeerziehungsheim ist unerträglich. Ein 72‐jähriger Mann kocht das Essen. Es wird uns in einem großen Eimer vorgesetzt. Die Kartoffeln sind zum Teil schlecht. Und wer zuletzt kommt, bekommt oftmals nichts.“ Die Presse berichtete von 14 Jugendlichen, die beteiligt waren; im Strafbuch sind 8 benannt, die mit sechs Stockhieben, drei Tagen Absonderung und einer Nacht Hartlager bestraft wurden. 1964 gab es einen Zeitungsartikel über 12 Jugendhof‐Jugendliche zwischen 17 und 20 Jahren, die angeblich auf der Flucht einen BMW 700 gestohlen hatten und mit dem Wagen verunglückt waren. In den Strafbüchern findet sich allerdings kein Hinweis auf diese „Massenflucht“. In seinem Bericht von 1965 sprach der Revisor das Problem „Entweichungen“ ebenfalls an. In der Nacht vor seinem Besuch waren gerade zwei Jungen durch Entkitten einer Kellertürscheibe aus dem Heim geflohen. Der Revisor schrieb: „Die Arrestzellen sind im Keller eines jeden Pavillons und bieten nach Meinung von Hausvater C. keine volle Sicherheit. Kürzlich seien die Gitter des Fensters durchgesägt worden und ermöglichten den Insassen die Flucht. Die völlige Isolierung der Arrestzellen nach draußen sei in der jetzigen Form nicht zu erreichen. Bei einem evtl. Neubau eines dritten Pavillons sollte der Bau einer sicheren Zelle – etwa mit Oberlicht – nicht unterlassen werden.“ Im Bericht von 1969 wurden auch Zahlen genannt. Von Januar bis Oktober 1968 gab es im Jugendhof insgesamt 144 Entweichungen.

Sexueller Missbrauch
In den 50er Jahren gab es im Jugendhof mehrfach Konflikte wegen der vermuteten oder tatsächlichen Homosexualität einiger Mitarbeiter. Heimleiter Heinrich A. wurde 1950 der Missbrauch eines Jugendlichen vorgeworfen. Angeblich war es zu „nächtlichen Besuchen“ eines Lehrlings bei A. gekommen. Außerdem sollte A. „besondere Bindungen“ an einen im Jugendhof tätigen freien Helfer haben. Die Nazareth‐Direktion schrieb, er habe die ihm zur Last gelegten Verfehlungen ohne Einschränkung anerkannt. Einige Jahre darauf unterrichtete ein Student der Pädagogischen Akademie Bielefeld probeweise im Jugendhof. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und dem damaligen Heimleiter Günter B., weil der Student offenbar ein „herzliches Verhältnis“ zu den Jungen hatte und einige noch nach Beendigung seines Praktikums besuchte. B. berichtete darüber an die Pädagogische Akademie. In welcher Weise war später strittig. Nach einem gerichtlichen Protokoll sollte er den Verdacht „anormaler Veranlagung“ geäußert haben; er selbst bestritt das. Für den Studenten hatte der „Bericht“ in jedem Fall schwerwiegende Folgen. Ohne Angabe von Gründen teilte ihm die Akademie mit, er könne das Studium nicht fortsetzen, weil er für den Lehrerberuf nicht geeignet sei. Es gelang dem jungen Mann, auf dem Wege einer Klage seine Rehabilitierung zu erreichen. Der Richter stellte fest: „Der Weg von dem umstrittenen Verhalten des Studenten bis zum Vorwurf der anormalen Veranlagung ist noch sehr weit.“ 1956 warfen mehrere Jugendliche einem Heimhelfer sexuelle Übergriffe vor und wandten sich an den Heimleiter Friedrich C.. Der Heimhelfer war zu diesem Zeitpunkt seit ca. acht Monaten im Jugendhof tätig. Zwei Jugendliche legten ihre Aussagen schriftlich nieder. Wieland informierte umgehend den Verwaltungsdirektor des Ev. Johanneswerks, der den Mitarbeiter nach Rücksprache mit Pawlowski sofort von jeder weiteren Tätigkeit im Heidequell beurlaubte. Der Heimhelfer bestritt die Vorwürfe und behauptete, es handele sich um einen „Racheakt“ der Jugendlichen. Da jedoch mehrere Jungen gleich lautende Aussagen gemacht hatten, wurde das Anstellungsverhältnis mit dem Mitarbeiter fristlos aufgelöst. 1958 wandte sich Friedrich C. an die Hauptverwaltung und berichtete, der Vater eines Jugendlichen habe geäußert, im Heidequell seien „lauter 175er“. C. bat darum, gegen den Mann Strafanzeige zu erstatten. Der angesprochene Verwaltungs‐Mitarbeiter riet aus verschiedenen Gründen ab. Er schrieb u.a.: „Es kann leider nicht bestritten werden, dass wir mit dem Erziehungspersonal im Jugendhof schon des öfteren Pech hatten, und zwar insofern, als auf mehreren Erziehern ein Verdacht homosexueller Betätigung ruhte und bei anderen sogar ein Beweis hierfür vorlag … Glücklicherweise ist über diese Dinge scheinbar Gras gewachsen. Es wäre nicht angenehm, wenn sie in einem Strafverfahren wieder ans Licht gezerrt würden.“ Sexuelle Handlungen der Jugendlichen untereinander wurden in den Strafbüchern der 60er Jahre häufiger beschrieben. Es gibt darin keinen Hinweis darauf, dass es dabei zur Anwendung von Gewalt kam. Das muss allerdings nicht bedeuten, dass es keine Übergriffe einzelner Jugendlicher auf andere gab. Manchmal scheint es so, dass die Frage, ob alle Jugendlichen freiwillig beteiligt waren, keine besondere Rolle spielte. Gelegentlich wurden auch Übergriffe der Jungen auf Mädchen im Grundschulalter geschildert. In der Regel handelte es sich um Mädchen, die zufällig unterwegs angetroffen wurden. Für die Jungen wurden in diesen Fällen die üblichen Strafen festgehalten (Stockschläge, Absonderung)

Gewalt in der Erziehung
Nur selten tauchen in den Akten Hinweise auf Misshandlungen und entwürdigende Erziehungspraktiken auf. Ausschließlich die zufällig in einem Polizeiprotokoll festgehaltene Aussage eines Jugendlichen zeigt alltägliche Gewaltpraktiken auf, die für andere Kinder‐ und Erziehungsheime bereits vielfach beschrieben wurden. Ebenso die angezeigten Strafmaßnahmen, die 1959 in den Akten des Landesjugendamtes und des Detmolder Landgerichts genannt wurden, und schließlich auch der Hinweis der Oberin auf den „befehlsmäßigen“ Ton. Gewaltakte der Jugendlichen untereinander wurden in den Strafbüchern gelegentlich und mehr stichwortartig festgehalten („nächtliche Schlägereien“, „Brutalität gegen Schwächere“, „Körperverletzung“). In einem Fall hieß es in der Rubrik „besondere Vorkommnisse“: „J. M. schlägt B. J. und zertrümmert das Trommelfell. Außerdem ist der Gehörgang verletzt“. Auch Angriffe der Jungen auf die Erzieher wurden gelegentlich dokumentiert. Im Jugendhof II gab es mindestens seit der Leitungsübernahme durch Peter L. vermutlich das deutliche Bestreben, körperliche Strafen abzubauen. Wie schwierig es ist, aus den wenigen Quellen hier einen Eindruck zu gewinnen, zeigt ein abschließender Blick auf die Nachbareinrichtung Waldhof. Christina O. hatte 1972 über den Waldhof geschrieben: „Auch jetzt werden noch immer regelmäßig Kinder von Erwachsenen geschlagen, ungeachtet der schon längst wissenschaftlich festgestellten Gefahr und der dadurch entstandenen Atmosphäre von Angst‐Erziehung.“ Der Heimleiter Detlef N. wies in einer Stellungnahme an Dr. Dietrich diese „Polemik“ zurück: „Wenn ihre Aussagen berechtigt sind, so sollte die pädagogische Arbeit des Kinderheimes einer eingehenden Überprüfung durch unabhängige Sachverständige unterzogen werden.“ Zu dem Vorwurf des Schlagens hieß es: „Jeder Mitarbeiter unterschreibt, dass er keine Kinder schlagen darf. Kommt es dennoch vor, so muss ein Strafbericht angefertigt werden. Die Berichte werden monatlich den Landesjugendämtern zugeleitet.“
Quelle: Bärbel Thau – „Die Erziehung dort lässt viel zu wünschen übrig“ ‐ Der Jugendhof (…) in (…) (1947‐1973)

Der alte Jugendhof wurde wahrscheinlich Mitte der 90er geschlossen.

Nach meiner kleinen Dokumentation tat sich viel am Jugendhof. Fenster wurden eingeworfen, Türen eingetreten, Waschbecken und Toiletten wurden zerstört und viele Wände auf der Suche nach Kabeln aufgerissen. Ich schätze ich muss mir selbst daran die Schuld geben da ich mit dem Text die Menschen auf den Jugenhof aufmerksam gemacht habe. Nach fast zwei Jahren besuchte ich den Jugendhof erneut bei wundervoll tiefstehender Frühlingssonne. Zu meinem Erstaunen scheint der Hof wieder in den Schlaf gefallen zu sein. Nach den letzten Zerstörungen waren offensichtlich nur Menschen mit einer anständigen Einstellung vor Ort. Es gibt sogar wieder Spinnenweben. Auch wenn ich Vandalismus in keinster Weise toleriere ergab sich durch die eingetretenen Türen die Möglichkeit den Ort so mancher Quälereien von innen zu sehen.

Wie eingangs erwähnt sind sämtliche Toiletten und Waschbecken im Keller zerstört worden. An den Kellerwänden befinden sich Malereien der Kinder die hier gewohnt haben. Die Fingermalereien sind mit Sicherheit erst in der Phase nach 1973 entstanden, denn davor herschte hier wie oben beschrieben „Zucht und Ordnung“. Im Erdgeschoss befinden sich neben dem grossen Wintergarten einige mittelgrosse und grosse Räume, deren ausnahmslos weisse Tapeten sich von den Wänden schälen. Einrichtungen sind nicht mehr hier und überall liegen Scherben und Kabelverkleidungen. Viele Wände sind mit grünem oder schwarzem Schimmel befallen und die Treppe ins Obergeschoss ist schon vor Jahren durch Wasser weggegammelt.

[Fotos aus dem Jahr 2015]


Update 2016

Anfang des Jahres 2016 besuchte ich den alten Jugendhof auf einem Hundespaziergang erneut. Ich bin erneut schockiert über den Zustand. Obwohl die alte Ruine nur noch von gammeligen Tapeten zusammengehalten wird, hat der Diebstahl und der Vandalismus nicht nachgelassen. Sämtliche Fenster, auch die der Nebengebäude, die zuvor mit Spanplatten gesichert wurden sind erneut aufgebrochen worden. Wände wurden eingetreten, Türen aufgebrochen, die letzten Waschbecken zerstört und sämtliches Metall gestolen. Im Keller war eine Betonwanne voller Blechdosen, die komplett gestohlen wurden. Das einzige gute ist, dass der alte Schriftzug über dem Eingang langsam wieder zum Vorschein kommt. Man erkennt bereits ein „e“ und ein „i“.

Jedoch konnte man bei nicht vorhandener Vegetation die grossen Fischzuchtbecken, einige Treppen und diverse Gebäudefundamente entdecken. Auch einen kleinen Deckungsgraben habe ich entdeckt. Dieser steht jedoch unter Wasser.

[Fotos aus dem Jahr 2016]


Update 2017

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Ich versuche meine Erfahrungen dieses mal ein wenig emotionsärmer aufzuschreiben. Die Vegetation ist explodiert, alles ist grün und ich dachte mir, dass ich nochmal den alten Jugendhof besuchen könnte um ein paar schöne Fotos zu machen. Ich wäre beinahe dran vorbeigelaufen, weil ich ihn nicht wiedererkannt habe.

Als erstes fällt auf, dass der Busch- und Baumbestand direkt an den Ruinen komplett entfernt wurde. Die Häuser stehen nun frei sichtbar in der Gegend. Der Grund war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Ich begann meinem Besuch diesesmal an der Hinterseite der Werkstatt. Ich habe sie bis dato nie betreten, weil das kleine Loch in der gammeligen Wand mich ein wenig abschreckte. Nun dieses Loch ist nun mannshoch und -breit. Man erkennt gut, dass hier die Wände herausgerissen wurden. Dennoch ist die Werkstatt fast die am natürlichsten verrottete Ruine. Das Dach ist mittlerweile heruntergekommen und es regnet derbe hinein. Dafür konnte ich Als erstes fällt auf, dass der Busch- und Baumbestand direkt an den Ruinen komplett entfernt wurde. Die Häuser stehen nun frei sichtbar in der Gegend. Der Grund war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Ich begann meinem Besuch diesesmal an der Hinterseite der Werkstatt. Ich habe sie bis dato nie betreten, weil das kleine Loch in der gammeligen Wand mich ein wenig abschreckte. Nun dieses Loch ist nun mannshoch und -breit. Man erkennt gut, dass hier die Wände herausgerissen wurden. Dennoch ist die Werkstatt fast die am natürlichsten verrottete Ruine. Das Dach ist mittlerweile heruntergekommen und es regnet derbe hinein. Dafür konnte ich hier etwas entdecken, was ich schon lange nicht mehr sah; Pflanzen die durch Möbel wachsen. Das ist mir eins der liebsten Fotomotive.

Nun ging ich zu dem kleinen Wohnhaus, welches direkt an die Werkstatt grenzt. Auch dieses betrat ich nie, da alle Fenster verbrettert und die Türen abgeschlossen waren. Die Türen sind aus den Angeln getreten worden, die Fenster samt Rahmen sind zerstört oder fehlen ganz. Ein Kühlschrank wurde als Kletterhilfe aussen an einem Fenster aufgestellt. Die Kabel fehlen und handballgrosse Löcher wurden in die Wände getreten. Sogar die Antenne wurde gestohlen. Auf dem Weg zum eigentlichen Jugendhof ist noch dieser kleine halbunterirdische Lagerraum. Dieser ist nun voll mit Müllsäcken und Dingen, die nach Durchfall riechen.

Das Hauptgebäude konnte ich vor 4 Jahren, als ich das erste mal dort war gar nicht betreten. Sämtliche Türen waren verschlossen und Fenster entweder intakt oder verbrettert. Zwei Jahre später konnte ich das Haus durch eine fehlende Fensterscheibe im hinteren Bereich betreten. Es war alles zwar verrottet, aber eigentlich intakt. Die Tapeten wellten sich und im Keller war noch ein Betonkiste voller alter Dosen. Erneute zwei Jahre später, also diesen Monat, konnte ich das Haus durch die Vordertür betreten. Wo fange ich an zu beschreiben was man heute dort sieht!?

„Machen wir ’ne Liste“

  • Vordertür gewaltsam geöffnet, sämtliche Scheiben zerstört
  • Sicherungskasten gestohlen
  • Kabel, Lampen, Metall gestohlen
  • 90% der Fensterscheiben sind zerstört, viele Fensterrahmen gestolen
  • Viele Türen aus den Angeln gerissen oder zertreten
  • Farbschmierereinen an vielen Wänden

Die Treppe ins Obergeschoss fehlt gänzlich. Ich schätze sie wurde abgerissen nachdem irgendwer darüber ins Obergeschoss gelangt ist (das war dumm bis mutig, da die zweite Hälfte der Treppe nur noch rudimentär vorhanden war). Man kann es von aussen sehen, das auch hier die Fenster und Fensterläden zerstört wurden. Auch Dachpfannen wurden herausgeschlagen. Im Keller findet man den obligatorischen Mix aus Farbdosen, Müllsäcken und, wie könnte es anders sein, menschliche Scheissehaufen inklusive Papier.

Vandalismus trifft es eigentlich nicht mehr so richtig. Ich brauche was anderes… wie wäre es mit „Devastierung“.
Der Begriff kommt zwar eigentlich aus der Tagebauproblematik, aber ich nehme das erst einmal.

Auf meinem Pfad um das Gebäude herum traf ich auf einen betagten Spaziergänger. Er wohnt wohl unweit der Ruine und so wie ich ihn verstand, hat er eine Verbindung zu dem Haus. Leider wollte er nicht weiter darauf eingehen und meinte nur: „In dem Haus gibt es zuviel was dort herumspukt, es ist gut dass es demnächst endlich weggkommt.“ Ich nehme an, er meinte damit böse Erinnerungen und wenn ich mir die bereits entfernte Vegetation ansehe, denke ich er meinte, dass es bald abgerissen werden würde.

[Fotos aus dem Jahr 2017]

3 Antworten auf Jugendhof

  1. Pingback: Neue Fotos: Jugendhof | Auferstanden aus Ruinen

  2. Hallo Phill,

    vielen Dank für die ausführlichen Infos und Bilder.
    Wahnsinn!

    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende.
    Liebe Grüße, Geli

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