Reichsbahntunnel (verschlossen 2015)

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In den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts sollte die Bahnstrecke vom Ruhrgebiet nach Hamburg auf insgesamt vier Gleise ausgebaut werden, im Zuge der Vorarbeiten wurde der bereits vorhandene 765 m lange und von der Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft unterhalb des Teutoburger Waldes erbaute Tunnel durch das heutige parallel verlaufende Bauwerk ersetzt. Den ursprünglichen Tunnel setzte man instand und legte ihn anschließend still, um ihn in den folgenden Jahren für die beiden zusätzlich geplanten Gleise zu nutzen.

Dieser Reichsbahntunnel wurde von Januar 1869 bis Dezember 1871 erbaut und hat eine Länge von 765 Metern. Die Bauzeit des Tunnels betrug zwei Jahre und elf Monate. Ende des Jahres 1871 konnte die Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft die Strecke eröffnen. Fast 60 Jahre war der Tunnel in Betrieb. Stillgelegt wurde er 1928. Die beiden parallelen Tunnel haben eine horizontale Entfernung ihrer Achsen von 29 Metern; in der Vertikalen liegt die neue Röhre etwa einen Meter tiefer als die alte. Wegen des tieferen südlichen Einschnitts ist der neue Tunnel trotzdem kürzer. Die denkmalgeschützte erste Tunnelröhre des Tunnels existiert heute noch, die Zugänge sind aber wegen Baufälligkeit und akuter Einsturzgefahr des Tunnels verschlossen.

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Im Jahre 1935 stellte die Reichsbahndirektion fest, dass der Tunnel noch in einem erstaunlich guten Zustand sei. Das Mauerwerk hielt sehr gut, lediglich am Nordende des Tunnels seien einige Verwitterungserscheinungen aufgetreten, so dass der Tunnel reaktiviert werden könne. Doch dazu kam es nicht mehr – schon bald interessierte sich die deutsche Kriegsmaschinerie für das Objekt. Der Jägerstab begann am 1. März 1944 mit den Baumaßnahmen an und in dem Reichsbahntunnel. Zunächst wurde das Gleisbett entfernt, danach eine Rinne ausgekoffert, in die ein Entwässerungskanal gelegt wurde, bevor der Boden mit einer Betonschicht versehen wurde. Das betonierte Fundament war nötig, um den Maschinen einen sicheren und stabilen Halt zu geben. Das Fundament reichte nicht ganz bis zur Tunnelwand. Bevor die seitlichen Mauern hochgezogen wurden, hatte man einige Teile der Tunnelwände mit Holztafeln ausgekleidet, damit die Fabrik besser gegen Nässe geschützt war. Der ganze Innenbau wurde mit einer Decke versehen, so dass sozusagen ein rechteckiger Tunnel im Tunnel entstand. Die Abschlussdecke bestand unterhalb der Firste aus Stahlträgern, an denen ein Brückenkran hing. Für den Umbau vom Tunnel zur Flugzeugfabrik wurden neben 1200 Tonnen Zement, vielen Kubikmetern Rundholz auch rund 60.000 Ziegelsteine benötigt. Hinter den Mauern rechts und links verliefen die Versorgungsleitungen wie Stromkabel und Lüftungsrohre. Alle zehn Meter war eine elektrische Heizung installiert, damit die wertvollen Maschinen in einem gut funktionierenden Zustand blieben. Das Belüftungs- und Heizsystem sollte lediglich die Maschinen vor Korrosion schützen und nicht etwa den eh schon durch Unterernährung, Schlafmangel und der langen Arbeitszeit entkräfteten Häftlingen die Arbeit erleichtern. Vom Haupteingang, dem Südportal aus gesehen standen auf der rechten Seite der langen Fertigungshalle die Werkbänke und Maschinen der Rüstungsfabrik. Auf der linken Seite des Tunnels war eine Schmalspurbahn zum Transport der Bauteile verlegt worden. Diese Schmalspurbahn verlief bis vor das Südportal und hatte Anschluss an das Hauptschienennetz der Reichsbahn. Die Portale des Reichsbahntunnels wurden zum Schutz vor Bomben vermauert. Die Wandstärke der Vermauerung am Südportal beträgt 1,75 Meter. Die Bombensicherheit des Tunnels war mit einem Deckgebirge von einer Stärke zwischen 20 und 70 Metern mehr als gewährleistet. Binnen 8 Wochen waren die Umbaumaßnahmen abgeschlossen, so dass die Produktion Mitte Mai 1944 beginnen konnte. Damit war diese Anlage die erste im Dritten Reich die in Betrieb genommen wurde.

Die Anlage war in zwei etwa gleich große, getrennte Bereiche aufgeteilt. Im vorderen, südlichen Teil des Tunnels wurden neben Schmiede-, und Spitzteilen auch Profile für Tragflächen aller gängigen Jagdflugzeuge her. Im hinteren Teil der U-Verlagerung wurden auf etwa 3300 qm Treibstofftanks und weitere Teile für die Schmitt-Argus-Triebwerke der Flügelbombe Fi 103 (V1) hergestellt. Zwischen den beiden Betrieben in dem Tunnel war eine dicke Betonwand und die Trafostation, welche den Oberleitungsstrom von 10.000 Volt auf Gebrauchsstrom von 220 bzw. 360 Volt herunter transformierte, errichtet worden. Ebenfalls in der Mitte des Tunnels befanden sich auch die Büros, eine Krankenstation und eine Küche mit Aufenthaltsraum. Diese war vornehmlich für die Vorarbeiter und die Wachmannschaft gedacht. Den im vorderen Teil arbeitenden Zwangsarbeitern war es strengstens verboten, den hinteren Bereich des Tunnels, sowie die Zwischenräume (bis auf die Krankenstation) zu betreten.
Das Nordportal der geheimen Produktionsstätte für Rüstungsgüter wurde fest verschlossen, abgetarnt und von mehreren Wachen beaufsichtigt. In der Schneise vor dem Südportal befanden sich neben einer Verladeeinrichtung mit Kran auch eine Baracke für den Pförtner und das Wachpersonal, welches aufpasste, dass keiner der Zwangsarbeiter fliehen konnte. Unter der Baracke versteckte sich ausserdem noch ein kleiner Luftschutzbunker. Etwa 100 Meter vom Haupteingang entfernt befanden sich die Toiletten an der rechten Steilwand. In der Nähe, auf dem Berg über dem Tunnel, hatten eine Flak-Batterie und eine Scheinwerferstellung ihre Posten bezogen. Die Produktionsstätte in dem Reichsbahntunnel bestand noch bis zuletzt. Erst Ende März 1945 wurde die U-Verlagerung Hals über Kopf verlassen. Die ganzen Einrichtungsgegenstände wurden zurückgelassen und fielen den Alliierten am Ostermontag den 2 April 1945 in die Hände. Der Tunnel wurde später in einem kurzen Zeitraum für die Pilzzucht verwendet. In den 70er Jahren wurde er als Schießstand für einen lokalen Waffenhändler genutzt und ist heute als Denkmal geschützt.

In fast allen unterirdischen Geheimprojekten der Nazis im Zweiten Weltkrieg wurden die anfallenden Arbeiten von Zwangsarbeitern durchgeführt. Arbeitskräfte waren vor allem gegen Ende des Krieges im Deutschen Reich Mangelware. Die Zwangsarbeiter mussten sowohl die Tunnel und Stollen ausbauen, als auch an den Werkbänken und Maschinen arbeiten. Beaufsichtigt wurden sie von dem zahlreich anwesenden Wachpersonal, bestehend aus Soldaten der Luftwaffe und einigen SS-Leuten. Die Belegschaft der Häftlinge war aus rund 200 Personen aus den verschiedensten Europäischen Ländern zusammengesetzt. Diese waren allesamt vorher Insassen des Hauptlagers Neuengamme bei Hamburg. In dem Aussenlager am Fuße des Teutoburger Waldes galten die gleichen Regeln, Vorschriften und Strafen, wie in jedem Konzentrationslager im gesamten Reichsgebiet auch. Diese wurden von der Lagerleitung auch konsequent angewandt. Nicht zuletzt deshalb kam es auch in diesem Lager zu einer Reihe von Todesfällen: Menschen starben durch Entkräftung, durch Exekution wegen angeblicher Sabotageakten oder bei Fluchtversuchen. Bei Verstößen gegen die Lagerordnung wurden die Arbeiter oft bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt. Ein (vermeintlicher) Sabotageakt oder ein Fluchtversuch bedeutete den Tod durch Erhängen für den Häftling. Auch dieses ist mehrfach im Aussenlager geschehen. Schätzungsweise 14 Menschen staben durch erhängen. Der Ort an dem dies geschah ist heute noch mehr als überdeutlich sichtbar.
Quelle: www.7grad.org

Leider war ich nur „kurz“ vorort um mir einen Überblick zu verschaffen. Von daher sind die Fotos spärlich und zeigen meist Details. Diese Fotos sind meist mit Blitz entstanden. Ich werde bei Gelegenheit mit einer Scheinwerferbatterie erneut ein paar Fotos machen. Aber auch wenn sich auf den Fotos die Dimensionen nicht erahnen lassen so finde ich doch speziell die Kalksinterablagerungen wunderschön.


[Fotos aus dem Jahr 2013]

Update 2014:

Leider wurde Ende des Jahres 2013 von Geocachern ein „Event“ organisiert. Dieses „Event“ wurde „Rebhuhn in Flammen“ genannt. Als wäre das „Grillen in stilvoller Umgebung“, so betitelten es die Veranstalter, nicht an sich schon pietätlos; es handelt sich hier immerhin um eine U-Verlagerung in der Zwangsarbeiter eingesetzt und auch ermordet wurden, wurde auch noch darauf verzichtet die offiziellen Stellen mit einzubinden. Im Grunde kann man froh sein, dass sich dort niemand verletzt hat. Dennoch ist die Konsequenz aus diesem „Machwerk“, dass die Stadt Lengerich in Zugzwang kam und den Tunnel nun mit einem grossen Metallgitter verschliessen liess.

Vielen Dank an die „Veranstalter“!

Update 2015:

Auch das Metallgitter hielt gewisse subversive Elemente nicht davon ab, dort erneut einzubrechen und diverse Dinge zu zerstören. Das Gitter war wenigstens kein endgültiger Verschluss, doch durch diese erneuten Aktionen wurden die offiziellen Stellen nun endgültig zum handeln gezwungen. Anfang dieses Jahres wurde der Tunnel durch eine Betonwand mit Metalltür versiegelt. Es bleibt nur ein kleiner Spalt für Fledertiere. Somit ist das Kapitel „Rebhuhn“, zumindest was das erforschen des Innenlebens abgeht, geschlossen.

2 Antworten auf Reichsbahntunnel (verschlossen 2015)

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