Hexenbürgermeisterhaus Lemgo

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Im Jahr 1926 wurde das Heimatmuseum der Stadt Lemgo im Hexenbürgermeisterhaus eingerichtet. In zwei Räumen wurden Exponate aus der städtischen Altertümersammlung gezeigt. Die Sammlung wurde im späten 19. Jahrhundert gegründet. Sie umfasste städtische und kirchliche „Altertümer“, gegenständliche Zeugnisse der Kultur des Alten Handwerks, Werkzeug und Produkte aus verschiedenen Bereichen des städtischen Handwerks und Gewerbes, Architekturfragmente und Spolien sowie Objekte der Alltagskultur des späten 18. und 19. Jahrhunderts.

Im Jahre 1937 erfolgte eine wesentliche Erweiterung des Museums. Dabei wurde die Zweigeschossigkeit der Diele rekonstruiert. Die Diele wurde nach dem Vorbild einer Bauernhausdiele gestaltet. Im vorderen Bereich wurde der Gedenkraum für Engelbert Kaempfer eingerichtet. Im ehemaligen Vorratskeller entstand ein Ausstellungsraum zur Hexenverfolgung, der den Eindruck eines Folterkellers vermitteln sollte.

Im Jahre 1960 wurde die Scheune hinter dem Hexenbürgermeisterhaus abgerissen und ein moderner Anbau errichtet. Gleichzeitig erfolgte die Umgestaltung des Heimat- museums mit einer stärkeren Betonung der kultur- und stadtgeschichtlichen Themen. Mit der „Galerie des Lipperlandes“ war das Hexenbürgermeisterhaus eines der ersten Heimatmuseen in Ostwestfalen-Lippe, das Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst präsentierte.

„Vielschichtig. Stadtgeschichte, Baugeschich- te, Lebensgeschichten“ – so lautet der Titel der Dauerausstellung, die am 17. Juni 2007 eröffnet wurde. Die mehr als 800jährige Geschichte der Stadt Lemgo steht im Zentrum der Ausstellung.

Zentrale Themen der Ausstellung sind: Münzprägung, Hanse, Kloster St. Marien, Reformation, Lemgo als Verlagszentrum der Aufklärung in Westfalen, Keramikproduktion, Meerschaumpfeifen-Fabrikation sowie die Entstehung der Holzindustrie und des Wagenbaus. Am Ende des Rundgangs steht die Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts. In der Ausstellung können Besucher und Besucherinnen in alten Lemgoer Tageszeitungen stöbern, ein Fotoalbum aus dem Jahre 1937 durchblättern und sich alte Filme im Museumskino anschauen.

Das Hexenbürgermeisterhaus, erbaut in den Jahren 1568-71, ist das bedeutendste Exponat der Ausstellung. Viele Spuren der mehr als 400-jährigen Geschichte des Hauses und seiner Bewohner und Bewohnerinnen wurden in den vergangenen Jahren entdeckt und von Restauratoren freigelegt.  Es gibt wohl nur wenige Bürgerhäuser des 16. Jahrhunderts, in denen Besucher und Besucherinnen soviel über die Bau-, Haus- und Nutzungsgeschichte eines einzelnen Hauses erfahren können wie im Hexenbürgermeisterhaus.

Lebensgeschichten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Dem Arzt, Naturforscher und Reisenden Engelbert Kaempfer (1651-1716) ist ein eigener Ausstellungsraum gewidmet. Im Hof des Hexenbürgermeisterhauses steht ein Ginkgo-Baum, der vor mehr als 70 Jahren gepflanzt wurde. Er erinnert daran, dass Engelbert Kaempfer als erster Europäer den Ginkgo, dem er in Japan begegnet war, beschrieben hat.

Die Themen der Ausstellung sind ebenso vielfältig wie ihre Gestaltung. Neben Objekten, die in Vitrinen gezeigt werden, gibt es Inszenierungen zum Anfassen und moderne Ausstellungsmedien. Die Ausstellung wurde durch das Büro Kessler & Co., Mülheim/Ruhr gestaltet.

Die Hexenverfolgung bildet ein wichtiges Thema der stadtgeschichtlichen Forschung, sowohl im Stadtarchiv Lemgo als auch im Städtischen Museum. In Zusammenarbeit mit Historikern und Historikerinnen verschiedener Universitäten wurden Tagungen und Vorträge veranstaltet. Beide Einrichtungen kooperieren mit dem Arbeitskreis Interdisziplinäre Hexenforschung  (AKIH) und dem Arbeitskreis für historische Hexen- und Kriminalitätsforschung in Norddeutschland.

Die lange Dauer der Verfolgung und die große Zahl der Opfer waren besondere Kennzeichen der Hexenverfolgung in Lemgo. Zwischen 1583 und 1681 wurden  nach derzeitigem Forschungsstand 254 Personen verurteilt und hingerichtet, darunter 38 Männer.

Die letzte Welle fiel in die Amtszeit des Bürgermeisters Hermann Cothmann. Erst der Prozess gegen Maria Rampendahl, der mit der Landesverweisung der Angeklagten endete, führte zum Ende der Hexenprozesse. 1715 wurde das sog. Hexen- oder Schwarze Buch, das die Besagungen und Anklagen enthielt, auf dem Marktplatz zerschnitten und verbrannt.

Einen Schwerpunkt der stadtgeschichtlichen Forschung bildeten Studien zu den Biografien der Prozessopfer. Auch in der Ausstellung stehen Biografien einzelner Prozessopfer im Vordergrund.

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist die Rezeption der Hexenverfolgung im 19. und 20. Jahrhundert. Ausgangspunkt war eine Werbekampagne im Jahre 1987. Zum Abschluss der Kampagne für eine neue Zahnpasta wollte eine Werbeagentur „Deutschlands originellste Kräuterhexe“ im Hexenbürgermeisterhaus küren. Die Werbekampagne führte zu heftigen Protesten von Frauengruppen, nicht nur aus Lemgo, sondern bundesweit. Sie kritisierten das folkloristische Bild der „Hexe“, das in der Werbekampagne propagiert wurde, und verwiesen auf die zahlreichen Opfer der Hexenprozesse in Lemgo. Am Ende verzichtete die Werbeagentur auf die Abschlussveranstaltung.

Im Jahre 1990 wurde als Reaktion auf die Werbekampagne der „Arbeitskreis Maria Rampendahl“ gegründet. Er engagierte sich für die Errichtung eines Denkmals für die Opfer der Hexenverfolgung in Lemgo. Im September 1994 wurde der „Stein des Anstoßes“, eine Arbeit der Lemgoer Künstlerin Ursula Ertz, auf dem Platz zwischen Rathaus und Kirche St. Nicolai errichtet. Seit August 1999 befindet sich in der Kirche St. Nicolai ein Gedenkstein für den Pfarrer Andreas Koch, geschaffen von dem Lemgoer Bildhauer Dorsten Diekmann auf Initiative der Kirchengemeinde St. Nicolai.

In der stadtgeschichtlichen Ausstellung ist die Rezeption der Hexenverfolgung in der lokalen Erinnerungskultur des frühen 20. Jahrhunderts ein eigenes Thema. Dabei wird deutlich, wie stark die Wahrnehmung eines historischen Themas durch zeitspezifische Deutungen beeinflusst wird.
Quelle: https://hexenbuergermeisterhaus.de

Ich habe die Fotos im Jahre 2007 mit meiner ersten Digitalkamera gemacht. Aus diesem Grund ist das dusselige Datum zu sehen und die Qualität nicht immer optimal.

[Fotos aus dem Jahr 2007]

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