Überwachungsstelle Schein-Anlage

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Der Grossvater eines Bekannten erzählte mir, dass im Laufe des Jahres 1944 auf einem Feld nahe seines Wohnhauses eine Nacht-Scheinanlage errichtet wurde. Sie bestand hauptsächlich aus Scheinwerfern in diversen Grössen.

Zur Täuschung der englischen Bomberverbände während der nächtlichen Angriffe auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg wurden rund um die wichtigsten Großstädte und Industriezentren ab 1940/41 sogenannte Schein-Anlagen (S-Anlagen) angelegt.

Allgemeines über Scheinanlagen

Eine wichtige Ergänzung der Tarn- und Verdunklungsmaßnahmen bildeten die Scheinanlagen. Sie hatten den Zweck, feindlichen Luftstreitkräften die gesuchten oder sonstigen angriffswürdige Ziele vorzutäuschen und Bombenabwürfe, indem sie diese auf sich zogen, von den wirklichen Objekten abzulenken. Man versprach sich von ihnen nicht mit Unrecht eine gute Wirkung dadurch, daß angreifenden Fliegern bei der durch die Tarnung und Verdunklung der Objekte erschwerten Zielsuche der Eindruck des vermeintlich richtigen oder eines sonst lohnenden Zieles willkommener Anlaß sein würde, ihre Bomben zu werfen und abzudrehen, zumal wenn sie durch Flakbeschuß oder Jagdabwehr bedrängt wurden. Mit ihrer Aufgabe, den Gegner zum Abwurf zu reizen und Bomben auf sich zu ziehen, gingen die Scheinanlagen über die sonstigen Luftschutzmaßnahmen mit ihrem mehr passiven Charakter hinaus und bildeten bereits den Übergang zur aktiven Luftverteidigung. Sie wurden deshalb rein militärisch nach taktischen Gesichtspunkten geplant, von Luftwaffendienststellen eingerichtet und mit Soldaten besetzt. Zum Teil wurden sie sogar mit leichten Waffen zur Abwehr von Tiefangriffen ausgerüstet.

Da die Bombenabwürfe, auch bei gezielten Luftangriffen, besonders in den ersten Kriegsjahren, stark streuten, war es nötig, die Scheinanlagen in genügend weitem Abstand von Ortschaften und bewohntem Gebiet anzulegen. Anderseits durften sie von dem Objekt, das sie vortäuschen sollten, auch nicht zu weit entfernt sein, wenn sie nicht zur Erfolglosigkeit verurteilt sein sollten. So war es oft schwierig, den richtigen Platz für eine Scheinanlage zu finden, zumal Gegenden mit vielen angriffswürdigen Zielen natürlich auch entsprechend dicht besiedelt waren. Im allgemeinen wurde ein Sicherheitsabstand von mindestens 1 km nach allen Seiten eingehalten. Wenn möglich, wurden die Scheinanlagen in der Nähe oder zumindest im Wirkungsbereich von Flakstellungen oder in der Nachbarschaft von Fliegerhorsten errichtet, wo sie einmal militärisch und wirtschaftlich leichter zu betreuen waren und zum anderen bewirken sollten, feindliche Flugzeuge in die Nähe von Stellungen der aktiven Luftverteidigung zu locken.

Tagesscheinanlagen

Ihrer Natur nach waren die Scheinanlagen mit ihren Erfolgsaussichten an die Dunkelheit gebunden. Versuche mit Tagesscheinanlagen sind zwar gemacht worden. Sie waren aber für verbreiteten Einsatz viel zu materialaufwendig und versprachen auch nur in besonders gelagerten Fällen Erfolg. Am bemerkenswertesten waren 1942 die Scheinschiffe zum Schutz der während einer bestimmten Kriegsphase an der französischen Kanalküste stationierten deutschen Panzerkreuzer, die besonders in der Zeit vor ihrem berühmt gewordenen Durchbruch nach Norden häufigen britischen Luftangriffen ausgesetzt waren. Damals haben die Scheinschiffe in Verbindung mit teils echter und teils irreführender Vernebelung wiederholt Bombenabwürfe auf sich gezogen, so daß ihnen ein gewisser Anteil an dem Zustandekommen des erfolgreichen Durchbruchs der Kriegsschiffe wohl nicht abgesprochen werden kann.

In einigen Fällen hat man auch Werkhallen besonders wichtiger Industriewerke, Unterkünfte von Truppenlagern, an der Kanalküste auch Abschußbasen der V1 und andere Objekte als Tagesscheinanlagen nachgebildet. Erfolge sind ihnen aber nur in geringem Maße beschieden gewesen. Auch hielten sie wohl der hochentwickelten Zielfotografie der gegnerischen Aufklärung auf die Dauer nicht in genügendem Maße stand. Zudem fehlte es für größeren Einsatz, besonders im fortgeschrittenen Kriegsstadium, an Baustoffen und Arbeitskräften.

Nachtscheinanlagen

Weitaus überwiegend waren die Nachtscheinanlagen wie diese hier, denen auch wesentlich größere Bedeutung zukam, da in der Zeit des Krieges, in der die Scheinanlagen wirkliche Erfolge hatten, im allgemeinen nur nachts Luftangriffe stattfanden. Solange der Gegner vornehmlich kriegswichtige Ziele angriff, und in vielen Fällen Einzelobjekte suchte, und das war, von Ausnahmen abgesehen, bis in das Jahr 1942 der Fall, war man bemüht, mit den solche Ziele vorzutäuschen. Ein weites Gebiet war die Nachbildung industrieller Feuer- und Raucherscheinungen und die Darstellung von Verdunklungsfehlern der Innen- und Außenbeleuchtung, ferner die Vortäuschung von Verkehrseinrichtungen sowie die Markierung von Abschüssen und Leuchtspurgeschossen der Flakabwehr und von Einschlägen explodierender Bomben. Hierbei und bei ähnlichen Darstellungen wie z. B. Abschüssen von Flakgeschützen fanden die verschiedensten pyrotechnischen Mittel Verwendung. Sehr gute Wirkungen wurden auch mit Scheinflugzeugen erzielt, zumal der Gegner während der ganzen Kriegszeit es besonders darauf anlegte, die deutsche Luftwaffe, wo er konnte, zu schwächen.

Die Einrichtung der Nachtscheinanlagen war anfangs denkbar einfach und behelfsmäßig, verriet jedoch in der Darstellung der vorgetäuschten Erscheinungen vielfach außerordentlichen Einfallsreichtum. Von einfachsten Petroleumlampen und Rauchöfen bis zu ganzen elektrischen Beleuchtungsanlagen war ziemlich alles vertreten, was in geeigneter Weise Lichterscheinungen hervorrief, die zum Bombenabwurf reizen konnten. Aus der Vielfalt der Geräte schälten sich dann bestimmte Formen, Herstellungsarten und Betriebsweisen heraus, die besonders brauchbar und wirksam waren. Daraus entstand das Bedürfnis nach einer geregelten Entwicklung von Scheinanlagen-Geräten unter zentraler Steuerung, damit der Geräteeinsatz auf den zahlreichen Scheinanlagen möglichst zweckmäßig und erfolgreich gestaltet werden konnte. Zu diesem Zweck wurden zwei Prüffelder für Scheinanlagen-Geräte eingerichtet, das eine bei Hamm in Westfalen, das andere bei Pausin im Kreise Nauen. Letzterem stand für systematische Luftbeobachtung eine Fesselballon-Batterie zur Verfügung, während das bei Hamm nur mit Flugzeugen von benachbarten Fliegerhorsten beflogen werden konnte. Auf Grund der auf den Prüffeldern durchgeführten Versuche und der im Einsatz gesammelten taktischen und technischen Erfahrungen, die bei der Inspektion des Luftschutzes im Reichsluftfahrtministerium und der ihr unterstellten Reichsanstalt der Luftwaffe für Luftschutz systematisch ausgewertet wurden, erhielten die Einsatz-Stäbe Kataloge mit erfolgversprechenden Scheinanlagen-Geräten sowie Anleitungen für ihre Herstellung und Betriebsweise. Dabei wurde auf möglichste Einfachheit und Billigkeit der Fertigung besonderer Wert gelegt. Denn die Geräte sollten, soweit irgend angängig, von den Scheinanlagen-Besatzungen unter geringem Material- und Kostenaufwand selbst hergestellt werden, da ja im Erfolgsfalle mit ihrer Zerstörung immer gerechnet werden mußte. Tatsächlich sind auch bei starkem Bewurf von Scheinanlagen kaum je größere Werte verloren gegangen, weil in der Regel keine da waren.

Es wurde bald erkannt, daß Scheinanlagen mit wechselnden Lichtwirkungen, in denen also Bewegung vorgetäuscht wurde, größere Erfolge hatten als solche mit starren Lichterscheinungen. Das führte zur Einführung von Schaltsystemen mit Widerstandsschaltungen, die es ermöglichten, verschiedene Lichtwirkungen gleichzeitig oder nacheinander und in wechselnder Helligkeit darzustellen. Daraus entwickelte sich als wesentliches Element der Scheinanlagen der Schaltbunker, meist ein feldmäßig gebauter splittersicherer Unterstand, der die Schaltapparatur aufnahm und der in der Regel nur aus wenigen Köpfen bestehenden Besatzung bei unmittelbaren Luftangriffen Schutz bot. Auf einigen Scheinanlagen wurden auch mit Hilfe von altem Baugerät Feldbahnen angelegt, deren Lokomotiven bei Annäherung feindlicher Flugzeuge mit schlecht abgeschirmten Scheinwerfern und mit angestrahltem Rauch in Bewegung gesetzt wurden. Diese Scheinbahnen hatten im Ruhrgebiet zeitweise sehr gute Erfolge, so daß bei den Besatzungen altes Feldbahnmaterial äußerst begehrt war. Scheinflugplätze waren so eingerichtet, daß möglichst in Originalgröße eine Rollfeldbeleuchtung dargestellt wurde. Auch wurden sie in vielen Fällen mit Scheinflugzeugen besetzt, um bei der Tagesaufklärung des Gegners Echtheit vorzutäuschen. Sie wurden in der Weise betrieben, daß bei Luftgefahr die Rollfeldbeleuchtung wie für eine noch notwendige Landung kurzfristig eingeschaltet oder wie versehentlich zu spät abgeschaltet wurde. Der Erfolg blieb in vielen Fällen nicht aus, und es sind nicht nur ganze Serien von Bombenabwürfen auf Scheinflugplätze niedergegangen, sondern sie sind in zahlreichen Fällen auch im Tiefflug angegriffen worden. Einige Male wurden sogar feindliche Tiefflieger von den nur mit leichten Waffen ausgerüsteten Scheinanlagen- Besatzungen abgeschossen.

Bei der intensiven Luftaufklärung, die der Gegner betrieb, konnte es nicht ausbleiben, daß Scheinanlagen nach einer gewissen Zeit als solche erkannt wurden. Sie waren in den gegnerischen Karten als „dummys“ bezeichnet. Daß sie von britischen Flugzeugen mit Holzbomben beworfen worden sein sollen, wurde vielfach erzählt, ist aber nicht verbürgt. Es ergab sich daraus die Notwendigkeit, die Scheinanlagen am Tage soweit möglich zu tarnen. Da dies für den Schaltbunker leicht war und die Geräte meist klein waren und weit voneinander entfernt standen, bildete die Tarnung am Tage keine besonderen Schwierigkeiten. Schwerer war es schon festzustellen, ob eine Scheinanlage erkannt war. Soweit keine Gefangenenaussagen oder Beuteunterlagen darüber vorlagen, blieb im allgemeinen als einziger Anhalt, daß die Scheinanlage nicht mehr angegriffen wurde. In diesem Falle wurde sie aufgegeben, verlegt oder grundlegend umgestaltet.

Dennoch verdienen die Besatzungen der Scheinanlagen eine Würdigung. Es waren, besonders im späteren Verlauf des Krieges, fast nur noch ältere Landesschützen mit körperlichen Mängeln, die für einen anderen Truppeneinsatz nicht mehr in Frage kamen. Trotzdem forderte ihre Aufgabe, mit völlig unzulänglicher Bewaffnung feindliche Luftangriffe auf sich zu ziehen, Mut und Entschlossenheit.

Von dieser Schein-Anlage, die hauptsächlich aus Lichtinstallationen bestand, ist heute nur noch der kleine Schaltbunker im Wald zu sehen. Welches Werk oder welchen Bereich diese Scheinanlage schützen sollte habe ich bissher nicht herausgefunden.

[Fotos aus dem Jahr 2011]

 

3 Antworten auf Überwachungsstelle Schein-Anlage

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  2. Hallo,
    ich suche Informationen zum März 1945 als eine Flakbatterie von Löhne/Westfalen nach Schlesien per Bahn auf die Reise geschickt wurde. Mein Vater, Gerhard Dunger, war damals als Oberleutnant Batterieführer.
    Er ist schon lange tot, ich kann ihn deshalb nicht mehr fragen.
    Vielen Dank und beste Grüße aus DD
    Ralf

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