Aussenarbeitsstelle eines Strafgefangenenlagers

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Dieses Gebäude wurde 1914 als Teil eines landwirtschaftlichen Anwesens errichtet.
Ab dem Jahr 1936 wurden in diesem Gebiet von den Nationalsozialisten das Gefangenenlager Oberems gegründet.

Oberems war eines von vier großen Strafgefangenenlagern im nationalsozialistischen Deutschland, in denen Häftlinge, anstatt in einem Strafgefängnis untergebracht zu werden, in der Industrie oder in der Landwirtschaft arbeiten mussten. Mit dem deutschen Angriff auf Polen war besonders die Rüstungsindustrie an billigen Arbeitskräften interessiert. Die Häftlinge wurden damals in der Regel als politische Gegner des Hitlerregimes eingeschätzt und deshalb aufgrund von „Wehrkraftzersetzung“ zu hohen Haftstrafen verurteilt. Im Großraum des Standortes wurden Gutsbesitzer und Hauseigentümer gesucht, die ihr Objekt für eines dieser Lager zur Verfügung stellen. Das Gebäude wurde zu einer der 52 Aussenarbeitsstellen des Gefangenenlagers Oberems.

Generell verschärften sich die Lebensbedingungen der Häftlinge im Strafvollzug. Einerseits sanken die Verpflegungssätze drastisch. Während die Zivilbevölkerung wöchentlich pro Kopf 235 Gramm Fett und 362 Gramm Fleisch erhielt, sollten die Häftlinge genau wie die Insassen der Konzentrationslager nur 162 Gramm Fett und 200 Gramm Fleisch erhalten. Andererseits waren die Haftanstalten überfüllt und die medizinische Versorgung völlig unzureichend. Gleichzeitig wurde die Arbeitskraft der Häftlinge in wachsen dem Maße ausgebeutet. Ihre Arbeitszeit betrug bis zu 12 Stunden täglich. Sie wurden vor allem bei gefährlichen Arbeiten u.a. auch bei der Räumung von Blindgängern eingesetzt. Es ging um den „totalen Kriegseinsatz der Justizgefangenen“. Die unmenschlichen Lebensbedingungen im Strafvollzug und die Arbeitsbelastung führten einerseits zu einem hohen Krankenstand und einer wachsenden Todesrate und, von den Verantwortlichen zum Teil beklagt, zum Teil billigend in Kauf genommen, zu sinkender Produktivität. Besonders diejenigen Aufseher, die aufgrund des kriegsbedingten Personalmangels und der immer größeren Zahl an Häftlingen u.a. in der SA, der SS und dem Deutschen Frauenwerk angeworben wurden – die Relation zwischen Aufsichtspersonal und Häftlingen sank von 1:6 in 1939 auf 1:14 in 1944 – versuchten, die Häftlinge mit immer härteren Strafen zur Arbeit anzutreiben und zu disziplinieren. Körperliche Schwäche wurde z.T. als Arbeitsverweigerung sanktioniert.

Ein Fall brutaler Misshandlung ist auch aus Oberems, aus der Gefangenenarbeitsstelle in diesem Haus, aus dem Jahre 1937 überliefert. Dort prügelten die Aufseher die Gefangenen, die angeblich ihr Tagessoll nicht geschafft hatten, so sehr, dass es zu mehreren Todesfällen kam. Einer der Gefangenen, der durch das Wachpersonal schwer verletzt worden war, starb, weil sich der Lagerarzt weigerte, ihn zu behandeln. Der Generalstaatsanwalt leitete zwar schließlich eine Untersuchung der Vorfälle ein, der Arzt wurde jedoch freigesprochen und lediglich einer der Beteiligten, ein Hilfsaufseher, zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt. Die unerträgliche Situation in vielen Haftanstalten, aber auch die Tatsache, dass viele Inhaftierte außerhalb der Anstaltsmauern zur Arbeit eingesetzt wurden, führte dazu, dass immer mehr Häftlinge trotz der drakonischen Strafen zu fliehen versuchten. Z.T. kam es zu Selbstverstümmelungen, um dem Arbeitseinsatz zu entgehen.

Neben solchen Berichten erscheint die fast schon romantische Beschreibung von Gefangenenarbeitsstellen des Kreises vor ihrer Eingliederung in das Strafgefangenenlager Oberems Ende 1937 wie aus einer anderen Welt:

Die Unterkünfte hätten sich, „wenn man von den vergitterten Fenstern absah, nicht von den Kötterhäusern der Umgebung“ unterschieden. „Die ganze Anlage“ sei „mit einem Drahtzaun umgeben und oft mit Bäumen bepflanzt“ gewesen. „Durch ein Tor kam man in den Hof, auf dem ein Schuppen für Arbeitsgeräte und Fahrräder stand, und geradeaus zum Eingang. Von der Haustür aus führt ein Gang zum Aufenthaltsraum. Links und rechts vom Gang liegen Küche und Dienstzimmer des Kommandoführers. Im oberen Stock, durch eine Treppe erreichbar, befinden sich die Zimmer der Hilfsaufseher und Räume zur Lagerung von Lebensmitteln, Sachen der Gefangenen usw. Von der Küche führt eine Tür in den Aufenthaltsraum. Vom Dienstzimmer aus lässt sich durch ein Guckloch der ganze Aufenthaltsraum, der des Nachts durch Glimmlicht schwach beleuchtet wird, übersehen. Die Seitenwände, die zugleich die Außenwände des Hauses sind, haben Fenster. Von der hinteren Wand habe „eine Tür zu dem Wasch- und Baderaum, eine weitere Tür zu den Toiletten“ geführt. „Oben im Haus liegt auch die Privatwohnung des Kommandoführers. „Im Aufenthaltsraum der Gefangenen hängt neben der Tür eine Tafel mit den nummerierten Namen der Gefangenen. Die gleiche Nummer befindet sich am Bett, am Spind und an der Wäsche und Kleidung des Gefangenen. An den Wänden befinden sich die Spinde. Einen schmalen Gang freilassend, stehen die Betten, je zwei aufeinander, mit den Füßen zur Raummitte. In der Mitte stehen zwei Tische mit Schemeln und ein Ofen. Der Baderaum dient auch zum Waschen der Wäsche. Wasch- und Baderaum sowie Toiletten wurden des Nachts aus Sicherheitsgründen abgeschlossen“. In dieser Beschreibung fehlen die für jede Gefangenenarbeitsstelle obligatorischen Arrestzellen. Der Tagesablauf sei geregelt und für ausreichende Verpflegung gesorgt gewesen.

Mit der Befreiung Deutschlands 1945 lösten die Alliierten das Strafgefangenenlager Oberems auf.  Das Haus wurde Teil des “Allied prison Oberems” bis es 1970 nicht mehr als Gefängnis gebraucht wurde.  Mach dieser Zeit wurde das Gebäude als WG und später als Familienwohnungen genutzt.  Dann zog eine Musikproduktionsfirma mit dem treffenden Namen “Prison Studio”  in den Schuppen ein.  Mickey Meinert, Dieter Kropp, Helmut Lemke, Klaus Bongaertz, “The Vultures” u.v.m. nahmen hier Platten auf.  Klaus Bongaertz wohnte eine Zeit lang unter der vierköpfigen Familie und auch Mickey Meinert soll desöfteren hier auf der Couch übernachtet haben. Spannend für die Kinder, die dort wohnten, war sicher auch der damalige Besuch des regionalen Sportclubs um die offizielle Vereins-CD dort einzuspielen.

Danach folge erneut ein kurzer Leerstand bis vor einigen Jahren ein neuer Besitzer gefunden wurde.  Dieser begann eine Komplettsanierung und Modernisierung, die jedoch abgebrochen wurde. Deutlich sind die bereits ausgeführten Arbeiten, wie herausgerissene Wände, gestützte Decken und eine neue Betontreppe zu sehen.  Dieser halb verlassene halb renovierte Zustand blieb bis heute.

Nichts zeugt heute mehr von dem einst schönen Anwesen. Vom Gefängnis sieht man nur noch einige alte Zellentüren und ein paar vergitterte Fenster. Aus der Zeit des Tonstudios finden sich Bilder an den Wänden und von der begonnenen Renovierung blieb viel Baumaterial und ein ganzer Kran übrig. Dieser ist jedoch mittlerweile entfernt worden. Wohin oder von wem ist nicht bekannt.

Die kleine „Scheune“, in dem sich zwei Gefängniszellen befanden, ist irgendwann im laufe des letzten Jahres abgebrannt. Erneut ein echter Verlust und eben der Grund dafür, dass hier keiner nach dem Standort fragen muss.

Quellen: Anwohner, Jörg van Norden „Deserteure an Front und Heimatfront“, Uni-Bielefeld.de, privat

[Fotos aus dem Jahr 2013]

2 Antworten auf Aussenarbeitsstelle eines Strafgefangenenlagers

  1. Nicole

    Vielleicht solltest du erwähnen, das es Einsturzgefährdet ist und die Nachbarn auch endlich mal ihre Ruhe haben vollen. Privat Besitzt ist und betreten verboten ist. Scherben überall rumliegen. Bei der Scheune hat das Dach gebrannt, der verbrannte Dachstuhl steht noch..

    LG

    • Hallo Nicole,

      ganz unten im Text steht bereits etwas zu dem kleinen Brand.
      Ich hatte bereit Kontakt mit dem Besitzer und habe einige Informationen nach seinen Wünschen abgeändert oder entfernt.
      Dennoch bin ich nicht dafür verantwortlich, den Leuten die Gefahren dort aufzuzeigen. Es steht vorne ein Schild dran, dass das „Betreten verboten“ verdeutlicht.
      Da der Besitzer jedoch seiner Sicherungspflicht nicht nachkommt und zb. Zäune aufstellt, darf man sich jedoch über unliebsame Besucher nicht wundern.
      Leider werden die Standorte solcher Ruinen von diversen Subjekten oft weitergereicht. Aber auch dagegen kann ich nichts unternehen.
      Von mir erfährt man nur das, was im Text steht.

      Gruss… Phil…

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