Press- und Rohrwerk Kammerich-Werke AG (abgerissen 2011)

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Diese verlassenen Werkshallen waren Teil der Kammerich-Werke AG. Sie bestanden aus zwei leerstehende Werkshallen, einem kleinen Turm, Verwaltungs- und Wiegegebäude. Eine der Hallen wurde gelegentlich als Lager für Bauschrott benutzt. Mittlerweile sind die historischen Hallen aus den 30er und 50er Jahren abgerissen worden.

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Geschichte der Kammerich-Werke

„Und da sich die neuen Tage aus dem Schutt der alten bauen, kann ein ungetrübtes Auge rückwärts blickend vorwärts schauen“

Im Jahre 1898 erwarb die „Vereinigte Kammerich’sche Werke AG“ in Bielefeld die „Stahlröhren-Farbik Wrede & Co.“ in der nahtlose Präzisionsrohre für Fahrräder erzeugt wurden. Das Werk wurde 1902 und 1903 saniert und 1909 kamen dann geschweisste Präzisionsrohre hinzu. Durch stetige Expansion und das einbeziehen anderer Werke konnte in den folgenden Jahren neben zahlreicher kleinerer Bauten die Ausführung bedeutender Brücken-, Hallen- und Behälterkonstruktionen übernommen werden.

Der erste Weltkrieg stellte auch für die Kammerich-Betriebe hohe Anforderungen. Um die Leistungsfähigkeit zu steigern, wurde eine umfassende Bereinigung der Fabrikationsprogramme und eine weitgehende Arbeitsteilung durchgeführt. Der Bedarf an Pressteilen stieg mit Fortdauer des Krieges so schnell an, dass sich die Leitung entschloss, in Bielefeld-Brackwede ein neues Werk zu errichten, dessen Ausmasse so festgelegt wurden, dass nicht nur die chronische Raumnot der Presserei ein für allemal ein Ende fand, sondern auch ausreichend Platz blieb für die spätere Aufnahme der Bielefelder Zieherei.

Mit dem Bau des Werkes wurde 1916 begonnen und am 1. Januar 1918 war der erste Bauabschnitt abgeschlossen. Für die Aufnahme des Pressereibetriebes stand eine umgebaute Fläche von etwa 14600 m2 bezugsfertig, während für Erweiterungsbauten und Siedlungszwecke noch ein Freigelände von etwa 87000 m2 verfügbar blieb.

Das Werk hat einen eigenen Bahnanschluss. Die elektrische Energie lieferten die Stadtwerke Bielefeld. Die Wasserversorgung erfolgte aus eigenen Brunnen und aus umfangreichen Anlagen für die Wiedergewinnung der Abwässer als Brauchwasser. Die Industrieöfen und Heizungsanlagen wurden zunächst ausschliesslich mit Kohlen und Koks beheizt. Seit 1931 erfolgte die Versorgung des Werkes durch die Westfälische Ferngas AG., Dortmund mit Industriegas.

Die Presserei in Brackwede war grössen- und einrichtungsmässig dem hohen Kriegs- und zu erwartendem Friedensbedarf angepasst worden. Da es eine andere Beschaffungsmöglichkeit damals nicht gab, wurde ein Teil der für den Ausbau erforderlichen Einrichtungen von der Wehrmacht in den besetzten Gebieten requiriert. Das baldige Kriegsende liess es zu einer Ausnutzung der Anlagen aber nicht mehr kommen. Die Pressteile-Fabrikation kam vielmehr mit der Waffenruhe fast völlig zum Erliegen, da das Heer sofort als Abnehmer ausfiel und im Zuge der Wiedergutmachung ausserdem die requirierten Maschinen und Einrichtungen zurückgegeben werden mussten.

Die Kammerich Werke entwickelten und betrieben damals die erste vollautomatische Vernickelungsanlage des Kontinents. Auch ein vollautomatischer arbeitender elektrisch beheizter Lackierofen mit Luftumwälzung wurde eingebaut. Jedoch war es kaum zu vermeiden, dass bei den fallenden Preisen für Fahrradteile in den Jahren 1928/29 kaum noch Gewinne auswiesen und so entschloss sich die Firmenleitung 1930 zur Stillegung der Abteilung Fahrradteile. Die bis dahin üblichen, verhältnissmässig primitiven Herstellungsverfahren wurden durch die in jenen Jahren einsetzende stürmische Fortentwicklung der Schweissverfahren schnell vervollkommnet. Die vorhandenen Anlagen mussten daher laufend dem Stand der Technik angepasst werden. Die Abteilung „Geschweisste Präzisionsrohre“ hat auf diese Weise trotz der um 1930 einsetzenden schweren Krise ohne Verlust gearbeitet.

Bei Beginn des zweiten Weltkrieges wurde im Zuge von Rationalisierungsmassnahmen zwischen Werken der Mannesmann-Gruppe, zu denen die Kammerich-Werke seit 1938 gehörten, die Herstellung geschweisster Rohre in Brackwede eingestellt. Die Kammerich-Werke gingen zu fast 100% in das Eigentum von Mannesmann über. Mannesmann beteiligte sich in herausragender Weise an der Enteignung jüdischen Eigentums zum eigenen wirtschaftlichen Vorteil. Mannesmann arisierte zunächst die Firma „Wolff-Netter-Jakobi“ und übernahm ein Drittel des Aktienpakets der in Essen ansässigen M. Stern AG. 1938 gestaltete sich die Übernahme der Hahnschen Werke als sehr lukrativ; neben dem Röhren- und Stahlwerk in Großenbaum gehörten zur Hahn Gruppe die Kammerich-Werke AG, die Maschinenfabrik Franz Seiffert & Co. AG und die Gesellschaft für Hochdruck-Rohrleitungen, die alle in den Konzern eingegliedert wurden. Die Produktion wurde auf Breitflachstahl und feuergeschweißte nahtlose Rohre ausgedehnt und die Erzeugung nahtloser Rohre vergrößert. Die Kammerich Werke spielten auch eine wichtige Rolle im Fahrzeugbau. Das Walz – und Preßwerk in Brackwede bei Bielefeld war mit der ersten vollautomatischen Vernickelungsanlage des Kontinents ausgestattet. Mit der Franz Seiffert & Co. hatte sich Mannesmann das ältestes deutsches Rohrleitungsbauunternehmen angeeignet. Nach Eingliederung der Hahnschen Werke betrug der Anteil von Mannesmann an der deutschen Stahlerzeugung 4%, (2,6% im Jahre 1934), an der Rohstahlerzeugung Deutschlands im Jahre 1938: 7%. Im November 1938 hatte Mannesmann über 50.000 Beschäftigte. Die Produktion hat sich im Zeitraum von 1933-1938 verdoppelt. Die materialintensive Gasrohrerzeugung wurde durch die arbeitsintensive Fertigung von Flugzeugteilen ersetzt.

Auch wurden in den Kammerich Werken bis zu 1000 Zwangsarbeiter eingesetzt. Ein Bericht spricht vom „zivilen Zwangsarbeiterlager Kammerich“. Die Berichte über die Situation der Zwangsarbeiter gehen leider stark auseinander. So wird von den offiziellen Personen des Werks durchweg die „gute Behandlung“ der Arbeiter gelobt. Die berichte der Zwangsarbeiter sprechen jedoch von „unzumutbaren Zuständen“. Die Beweise bleiben leider aus.

Von eigentlichen Kriegsschäden blieben die Werksanlagen verschont; dagegen war der Schaden, der durch Plünderungen nach dem deutschen Zusammenbruch entstand, nicht unerheblich. In besonderem Maße aber wurde das Unternehmen durch die verfügte Abgabe von Produktionsmaschinen für die verschiedenen Aktionen der Besatzungsmächte betroffen. Beschlagnahmt wurden 20% der Fabrikationsstätten und 60% des Werksgeländes. Die Kammerich-Werke erhielten bereits im Juni 1945 eine zunächst beschränkte Produktionserlaubniss, die Anfang 1946 erweitert wurde. Nun wurden statt der Flugzeugrohre wieder Gasrohre und Bauelemente für den Fahrzeugbau hergestellt.

Der gesamte Grundbesitz des Werkes hatte eine Ausdehnung von 425000 m2, wovon 15600 m2 fabrikatorisch genutzt wurden. Am 1. Januar 1953 stand für die Produktion eine umbaute Fläche von 60700 m2 zur Verfügung; 1500 m2 befanden sich im Bau. Darunter auch die einst leerstehenden Hallen, die in den 1980er Jahren verlassen wurden.

Quelle: Ernst Neuhaus und die Kammerich-Werke (1941), Kammerich Werke AG. – 90 Jahre Kammerich-Werke Brackwede (1953)

Diese beiden Bilder zeigen die Werkbahn. Beide Loks von Kammerich sind in Regelspur (1435 mm) – also der Spur, die auch die Staatsbahn auf den Hauptstrecken verwendet. So konnten die Wagen direkt übernommen, beladen und dann weiter geschickt wurden. Der einmal geladene Wagen von Brackwede konnte (fast) in ganz Mitteleuropa ohne weiteres Umladen unterwegs sein.
Für diese Fotos von 1980 möchte ich www.schmalspur-ostwestfalen.de herzlich danken.


Leerstand

[Fotos aus dem Jahr 2010]


Update No1: Abriss

Die Werkshallen werden zu Zeit abgerissen. Mittlerweile sind insgesamt acht der zuvor noch genuzten alten Hallen abgerissen worden was ungefähr einem Drittel der gesamten Firma entspricht. Die leerstehenden Werkshallen sind noch unverändert jedoch komplett leergeräumt. Das Verwaltungsgebäude und das Wiegegebäude werden entkernt.

[Fotos aus dem Jahr 2011]


Update No2: Abriss der alten Hallen

Der Abriss erreicht langsam die alten Hallen. Zwei kleine und eine mittelgrosse der einst leerstehenden Hallen sind schon verschwunden und eine der grossen Hallen hat schon Löcher in der Aussenwand und dem Dach. In ein paar Wochen wird es statt der alten Hallen aus den 30er Jahren 48000 m2 freie Fläche geben.

[Fotos aus dem Jahr 2011]


Update No3: Abriss Woche 6

Das markante kleine Türmchen und das Verwaltungsgebäude sind mittlerweile verschwunden. Das Wiegegebäude ist entkernt und die erste der leeren Hallen aus den 50er Jahren ist zur Hälfte abgerissen.

[Fotos aus dem Jahr 2011]


Upddate No4: Abriss Endspurt

Die letzte Stunde hat geschlagen. Die letzten zwei Werkshallen haben kein Dach mehr.

[Fotos aus dem Jahr 2011]


Update No5: Das Ende

Es ist vorbei. Nur noch klägliche Reste stehen auf dem Gelände.
Es scheint sogar einen Keller gegeben zu haben. Mittlerweile ist alles verschwunden.

[Fotos aus dem Jahr 2011]

wird alles verschwunden sein

11 Antworten auf Press- und Rohrwerk Kammerich-Werke AG (abgerissen 2011)

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  3. Markus Sondermann

    Hallo,

    kann man die Bilder in einem Paket bekommen?
    Wäre für einen Ex Mitarbeiter echt eine super Erinnerung! 🙂

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