Ravensberger Eisenhütte Reinshagen & Vogt (zerstört/abgerissen 1945/2015)

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Die Wurzeln dieser Eisenhütte reichen tief in die Bielefelder Geschichte.
Aus diesem Grunde werden auch beide Zerstörungszeitpunkte im Titel aufgenommen.

Die alte Ravensberger Eisenhütte

Fritz Vogt gründete bereits 1890 an der Jöllenbecker Straße in Bielefeld die Ravensberger Eisenhütte Reinshagen & Vogt. Während sich Fritz Vogt in der Folgezeit auf die Leitung der Ravensberger Eisenhütte konzentrierte, übernahm sein Bruder August, Ingenieur der Handelsmarine, die Leitung bei Hillenkötter & Ronsieck. Nach 1900 nahm nicht nur die Produktion stetig zu, auch das Produktionsprogramm wurde erneut ausgeweitet: Neben den bisherigen Produkten stellte Hillenkötter & Ronsieck Aufzugsanlagen, Ausleger- und Brückenkrane, Kammertüren für Kokereien und Antriebe für Schleusenanlagen her. Darüber hinaus erreichten Transportanlagen, Hebezeuge und sonstige Ausrüstungen für Gaswerke, hier sind insbesondere Schrägaufzüge und Kammertüren zu nennen, und Hebevorrichtungen für Eisenbahnen und Straßenbahnen einen besonderen Anteil an der Produktion. Dabei wurden nicht nur Gaswerke im damaligen Deutschen Reich, sondern auch Gaswerke im europäischen Ausland und auf dem amerikanischen Kontinent beliefert. Die unternehmerische Zusammenführung von Maschinenfabrik und Gießerei wurde aufgrund des großen Bedarfs der Maschinenfabriken an den von den Eisenhütten hergestellten Gussteilen zum Normalfall im Wirtschaftsgefüge.

Die Firma hatte ein Zivilarbeiterlager mit 449 Menschen.

Das Werk an der Jöllenbecker Strasse wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und im Laufe des Jahres 1953/54 am Standort der ebenfalls im Kriege zerstörten Mehrzweckhalle am Stadtholz, in der Viehmärkte, Gross- und Kleinviehausstellungen, Sportveranstaltungen, Konzerte und politische Kundgebungen stattfanden und wo vor 6.000 bis 10.000 Menschen Carl Severing, Paul Löbe, Otto Braun, Ernst Thälmann, Julius Streicher, Hermann Göring und auch Adolf Hitler sprachen, dieser jedoch nur ein einziges Mal, am 16.11.1930, wieder aufgebaut.

Endlich bekam ich eine Ansichtskarte der alten Bielefelder Mehrzweckhalle am ehemaligen Standort der Ravensberger Eisenhütte in die Finger und konnte sie einscannen. Eine Grossversion der Ansichtskarte findet ihr hier:

http://risen-from-the-ruins.deviantart.com/art/Ausstellungshalle-Bielefeld-690577139

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Die neue Ravensberger Eisenhütte

1963 wurde eine neue Qualitätsstelle geschaffen. Schon kurze Zeit später, nachdem die Firma Ravensberger Eisenhütte in wirtschaftliche Turbulenzen geriet und schließlich von den Familien Claas in Harsewinkel übernommen wurde. Zwei Jahre später übernahm die Ravensberger Eisenhütte zwei weitere Gießereien in Gütersloh und die Gießerei der Firma Bautz in Bad Saulgau und firmierte danach, wahrscheinlich gegen 1973, in die heutige Firma „Claas Guss“ um. In den vergangenen 20 Jahren entwickelte sich das Unternehmen zu einer der führenden Kundengießereien Deutschlands.

Die Ruine der alten Giesserei an der Jöllenbecker Straße wurde 1977 für den Bau des Ostwestfalendammes abgebrochen.

Arbeitstage unter 13 Stunden waren eine Seltenheit. Es wurden Gussteile für die Automobil- und Maschinenbauindustrie geliefert. In dem riesigen Kupolofen (schachtofen) wurden pro Stunde rund acht Tonnen Gusseisen geschmolzen. Das machte am Tag 110 Tonnen flüssiges Eisen. Für eine Tonne verkaufsfähigen Guss benötigt man 10 Tonnen Formsand. Daraus entstanden je Monat an die 1.500 Tonnen Guss. In der Hauptsache war es Gusseisen mit Kugelgraphit, da er bessere mechanische Eigenschaften hat, als der einfache Guss mit Lamellengraphit.

Die folgenden Fotos zeigen einen Gusseisernen Zierteller mit einem Reliefmotiv zweier Stahlgiesser. Er wiegt an die 2,5 kg und wurde am 23.09.1981 am Standort Stadtholz gefertig. Dieser ist kein Fundstück, sondern ein antiquarischer Kauf. Dennoch scheint er ein Einzelstück zu sein. Das Motiv zeigt das Urformverfahren im Gießereiwesen, das Handformen, bei dem unter Verwendung einfacher Werkzeuge wie Sandhaken, Stampfkeil oder Pressluftstampfer der Formstoff, beispielsweise mit einem Bindemittel versehener Quarzsand, um das abzuformende Modell herum im Formkasten per Hand verdichtet wird. Im Gegensatz zum Maschinenformen müssen Anguss, Angussleisten, Anschnitte und Speiser sowie deren Dimensionierungen entsprechend der Anzeichnung am Modell, also per Hand, gesetzt und eventuell entformt werden. Bei rotationssymmetrischen Gussteilen und bildsamen Formstoffen können Modellkosten durch Anwendung von Modellschablonen gesenkt werden: Gießen von Glocken, Schiffspropellern, Scheiben, Rädern und ähnliches. Kastenloses Handformen von Großguss erfolgt in Formgruben, dem sogenannten Herdguss.

[Fotos aus dem Jahr 2015]

[Fotos aus dem Jahr 2015]

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Update No1: Abriss der neuen Eisenhütte & Innenansichten

Allen Beweihräucherungen zum Trotz fing das Bielefelder Werk in den letzten Jahren an rote Zahlen zu schreiben aus denen man auch mit Entlassungen und Kurzarbeit nicht herauskam. Der Umsatz schrumpfte nach eigenen Angaben 2013 um 10 Prozent auf 67 Millionen Euro. Mitte des Jahres 2015 wurde mit dem Abriss begonnen. Einige Maschinenteile konnten ersteigert werden. Mit dem Erlös soll das Gütersloher Werk, die Christophorushütte modernisiert werden. Zur Zeit meines Besuches befanden sich dort noch folgende Maschinen:

  • Künkel Wagner High Pressure Moulding Line (1981/2006) Output 144 Moulds/hr, Mould Size 700 x 700 x 600mm (300 + 300) 135 Stations, Siemens S7 Plc Control, Upgraded 1996/2006/2011
  • Klein Core Sand Preparation System (1991/2001) Output 4t/hr, Siemens S7 Plc, Upgraded 2001/2011
  • Künkel Wagner Sand Preparation Line (1992) Webac Hot Sand Cooling Mixer 100t/hr Kunkel & Wagner WM60 Sand Mixer 60t/hr Datec RTC 106 Moisture/Additive Control System Upgraded 2007
  • BMD Herp/Cupola Melt Shop Furnace System Output 7.5t/hr, Oxy-fuel Burner (2012) Raw Material Storage Hoppers
  • 1 x Laempe LKFZ 10 Core Shooter (1990)
  • 1 x Roperwerk HN6.5 HV-K Core Shooter (2000)
  • 1 x Laempe L20 Core Shooter (2000)
  • Berger Wheelabrator Shotblast Machine (c1980) 6-Wheel, Double Chamber, Carousel, Continuous Conveyor Siemens S7 Plc, Refurbished 2011
  • Bruk BR80 Wheelabrator Shotblast Machine 2 x Blastwheels, Drum dia 1300mm x 1700mm Width Siemens S7 Plc
  • CompAir L75SR-13A 75kW Compressor (2007)
  • CompAir Regatta 141A Compressor (2000)
  • Demag SE80 EKS 73.9kW Compressor (1978)
  • CompAir F0450 R407 Refrigerant Dryer (2005)
  • CompAir Demag Owamat 6 Oil/Water Separator

Bei unserem Besuch war das Wetter grau und trübe, jedoch hatten wir durch die erste bereits abgerissene Halle dennoch viel Licht zum fotografieren. Ich habe abgesehen von der Duisburger Sinteranlage noch keine Stahlwerke besichtigen können. Interessant war, dass diese Stahlhütte generell einen ruinösen Eindruck machte. Die Wände sind von Wasser und Staub angelaufen und stellenweise stark verwittert. Das gesamte Werk hat eine unheimliche Patina. Es wirkt als wäre es schon seit einiger Zeit verlassen. Jedoch wurde hier vor kurzem noch Stahl gekocht und bis auf die abgerissene Halle, dem bereits abgebauten Fume Extraction System“, des abgerissenen Verwaltungstraktes und einiger kleinerer Teile war eigentlich noch alles im Betriebszustand. Ich kann mir nur schwer vorstellen in so einer dreckigen Situation zu arbeiten. Ich denke dafür muss man gemacht sein. Optisch ist es jedoch einsame Spitze! Der Dreck, der Stahl, der Rost! Wundervoll! Es ist wirklich schade, dass es, wäre ich nicht gewesen, quasi undokumentiert von der Bildfläche verschwunden wäre.
Quellen: www.hiro.de, Stadtarchiv Bielefeld, www.hilcoind.com, privat, www.schwaebische.de, wikipedia

Danke an den Menschen, der uns spontan das Betreten des Abruchgeländes erlaubt und uns damit diese Fotodokumentation ermöglicht hat!
Er möchte nicht namentlich genannt werden!

[Fotos aus dem Jahr 2015]

Abschliessend noch ein paar Handyfotos die qualitativ ausreichend sind. Diese Fotos wirken etwas „intimer“. Sie sind rauer, gröber, nicht ganz so strukturiert. Man erkennt viele Details die man mit einer DSLR nur mit Mühe auf Foto gebannt hätte. Da es von diesem Traditionsunternehmen jedoch kaum Fotos gibt, nehme ich sie mit in diese Galerie auf.

[Fotos aus dem Jahr 2015]

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Update No2: Abriss Woche 8

Nachdem am 08.09.2015 die Ravensberger Eisenhütte mit allen standortrelevanten Informationen und dem Hinweis auf den Abbruch, auf einer einschlägig als problematisch bekannten Internetseite veröffentlicht wurde, häufte sich das illegale Betreten des Abbruchbereiches quasi „über Nacht“. Vermehrt wurde Metall- und Kabeldiebstahl entdeckt. Auch einige Jugendliche wurde nun dort von der Polizei aufgegriffen. Die Besitzer und die Abbruchfirma gerieten selbstverständlich unter Zugzwang. Das Gelände wurde besser mit Zäunen gesichert und es wurden Kameras installiert. Das Betreten wird nun sofort zur Anzeige gebracht. Das Dokumentieren der restlichen Abbrucharbeiten, insbesondere das Umlegen des Hochofens wurde mir aus diesen Gründen leider nicht mehr gestattet. Es ist wirklich schade, dass das Geltungsbedürfnis gewisser Subjekte nun auch einen direkten Einfluss auf meine Forschungs- und Dokumentationsarbeit hat. Es scheint wichtiger zu sein schnell ein paar Fotos und Standortinfos zu veröffentlichen, anstatt auf die Betreiber Rücksicht zu nehmen (insbesondere wenn dem klar sein muss, dass viele Metalldiebe diese Website als Standortkatalog nutzen), mit offiziellen Stellen zusammenzuarbeiten und das ganze mit fehlerfreien historischen Infos zu ergänzen.

Leider ist aus diesem Grunde die offizielle Dokumentation der Eisenhütte für mich zu Ende. Die ergänzenden Dokumentationsfotos des Abrisses hätten diese Galerie wunderbar ergänzt. Nun muss ich die Abbruchfotos leider durch den Zaun hindurch machen. Die Zeiträume in denen interessante Situationen wärend des Abbruchs, entstehen werden mir nicht mehr mitgeteilt. Ich werde desshalb nicht mehr ganz so viele Fotos vom Abbruch machen.

Wie ist nur der Zustand am Wochenende der achten Abriss-Woche?!
Bei „wundervollem Bielefelder Pisswetter wie wir es lieben“ besuchte ich die Stahlhütte erneut. Wie gesagt nur von aussen. Dem Empfangs- und Verwaltungsgebäude und der ersten Wellblechhalle, folgten schnell die angrenzenden Büro- und Duschräume. Danach wurde eine an der Strasse Stadtholz gelegene alte Halle abgebrochen. Es wird nun alles um den Hochofen Stück für Stück weggeknabbert bis man an eben jenen Ofen gut herankommt um ihn mittels Kränen umzulgegen und dann kleinzuschneiden.

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Update No3: Abriss Woche 12

Wie es in Bielefeld oft der Fall ist, war das Wetter bei meinem Wochenendbesuch in der 12. Abrisswoche ebenfalls typisch westfälisch. Mich persönlich stört das Wetter nicht, ich liebe es. Nur dann sieht Bielefeld auch aus wie es sich anfühlt. Wie ist nur der Zustand am Wochenende der 12. Abriss-Woche?! Die Hallen sind weg. Die Künkel Wagner High Pressure Moulding Line ist verkauft und abgebaut worden. Die Betriebs-, Verwaltungs- und Duschgebäude sind weg. Einzig der mehrstöckige Hochofenturm und einige Silos zur Strasse hin steht noch. Die Bagger knabbern sich Stück für Stück immer näher an den Hochofen. Sobald dieser frei steht wird er umgelegt. Ich hoffe ich bekomme früh genug Bescheid um das Umlegen zumindest von ausserhalb des Zaunes filmen zu können.

[Fotos aus dem Jahr 2015]

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Update No4: Abriss Woche 13

Ich habe es beinahe kommen sehen. Vor ein paar Tagen war ich noch vorort und der Hochofen stand noch leicht durch Beton geschützt aufrecht. Heute bekomme ich die Nachricht: „Der Hochofen ist weg!“. Also wurde das dicke Metallstück scheinbar gestern am Montag den 12. Oktober umgelegt und direkt zerschnitten. Ich wurde aufgrund der bereits oben erwähnten Probleme über diese Aktion nicht informiert und somit gibt es kein Video des umstürzenden Hochofens. Ich kann euch nur ein paar Handyfotos des leeren Ofengebäudes zeigen. Der Ofen ist nicht mehr zu sehen.

[Fotos aus dem Jahr 2015]

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Update No4: Abriss Woche 14

Der Abriss nähert sich in der 14. Abrisswoche dem Ende. Das Wetter ist weiterhin grau in grau. Zu sehen ist nur noch das untere Stockwerk des Hochofenturmes und einige kleine Metallsilos. Alles andere liegt in Trümmern und wird vorort sortiert. Ich schätze nächste, spätestens übernächste Woche ist die Ravensberger Eisenhütte komplett verschwunden.

[Fotos aus dem Jahr 2015]

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Update No5: Das Ende

Die Ravensberger Eisenhütte ist nunmehr Geschichte. Die letzten Silos sind verschwunden und abgesehen von den Restfundamenten des Ofenturmes hat sich der Aggregatszustand der Eisenhütte von Stahlwerk zu Schuttberg gewandelt. Ein oder zwei Wochen lang wird nun noch das Abbruchmaterial sortiert und wiederverwertet. Abschliessend werden der Kohlebunker und die Kellerräume verfüllt.

Sobald das Areal besenrein ist, werde ich diese Galerie online stellen. Ich hoffe, dass sich ehemalige Mitarbeiter melden. Es wäre eine wundervolle Ergänzung wenn ich hier Erfahrungen, Geschichten und vielleicht sogar alte Fotos einstellen könnte. Bitte schreibt mir eine eMail an info@auferstandenausruinen.de.

[Fotos aus dem Jahr 2015]

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Update No6: Das Ende No2

Ich war nicht einmal wirklich überrascht, als ich vor ein paar Tagen am Areal der Eisenhütte vorbeifuhr und bemerkte, dass dort immer noch nicht neu gebaut wird. Riesige Berge aus Erdreich und Schutt türmen sich immer noch auf dem Gelände auf. Mittlerweile ist Ende Januar die Abrisswoche 28 angebrochen. Laut der Abrissgesellschaft Hagedorn sollte der Abriss bereits im Oktober 2015 abgeschlossen werden. Ich vermute, dass das Kellergeschoss nicht so einfach entfernt werden konnte.

Am Montag, den 15. Februar 2016 wurden die Hagedorn-Bagger abgeholt.
Die Geschichte der Ravensberger Eisenhütte Reinshagen & Vogt ist nun vorrüber.

[Fotos aus dem Jahr 2016]

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