Vogelparadies Bad Rothenfelde (abgerissen 2014)

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Ein seltenes Objekt war dieser leerstehende Vogelpark in Bad Rothenfelde.

Vielleicht ist es wegen des Nebels, der über dem Tal hängt, als ob er hier gefangen wäre. Vielleicht wegen der Nähe zum Teutoburger Wald, in dem so viele Krieger ihr Leben gelassen haben. Vielleicht gibt es aber auch keinen Grund dafür, warum dieser Ort bisher niemandem Glück gebracht hat. Verlassen und vergessen liegt er etwas abseits der Gemeinde Bad Rothenfelde im Landkreis Osnabrück. Hier kommt nur noch hin, wer nicht gestört werden will, bei was auch immer.

Große Pläne hatten die Investoren bei seiner Eröffnung im August 1975: Die Anlage sollte neben dem Vogelpark Walsrode eine der größten Europas werden. Auf dem 22 Hektar großen Gelände gab es 16 Volieren und ein Tropenhaus mit Freiflughalle, ein Tropencafé und einen Spielplatz mit Minibooten, einer 540 Meter langen Oldtimer-Bahnstrecke und Spielgeräten. Aber schon bald gab es wirtschaftliche Probleme, und 1978 wurde das Vogelparadies versteigert. Die Inhaber hatten sich übernommen, die Baukosten mehr als verdoppelt. Der erwartete Jahresumsatz war zu hoch angesetzt. Der Vogelpark kam für eine Million Mark (etwa 500000 Euro) unter den Hammer. Unter neuer Leitung der Familie Pfaff gelangen in den folgenden Jahren einige seltene Nachzüchtungen: Schwarzstörche, Tschajas und Schopfkarakaras fühlten sich offensichtlich wohl. In seinen besten Zeiten lebten in den Volieren des Vogelparks 4000 Vögel. Ab 1984 stellte Pfaff bei der Gemeinde mehrere Anträge auf eine Nutzungsänderung der Fläche. Er wollte den Vogelpark in einen Park mit Ferienhäusern verwandeln. Die Gemeinde lehnte ab. 1997 ein neuer Vorstoß: Nun sollte ein ökologisches Ferien- und Freizeitzentrum entstehen, das in ein Forschungsprojekt der Uni Hannover eingebunden und Teil der Expo werden sollte. Zu dieser Zeit war der Park schuldenfrei. Die Besitzer sahen aber langfristig nur mit den Vögeln als Zugnummer keine Zukunft.

Ein Bekannter hat mir einen originalen Prospekt des Vogelparks geschenkt, welchen man damals im Park erwerben konnte. Der Zustand des 44 Seiten starken Prospekts ist überraschend gut. Er enthält Bilder des Parks, der Vogelhäuser und sogar Doppelseite die die Vogelarten erklären, dazu eine Karte und kleine Texte der Besitzer-Familie Pfaff. Ich möchte dem Spender ganz ganz herzlich für diesen Prospekt danken! Farbe und Dreck sind original und wurden nicht verändert.

Für die historischen Bilder möchte ich Buddy Breiter herzlich danken.

Die Pläne scheiterten. Die Gemeinde wollte nicht zulassen, dass die Ferienhäuser als Dauerwohnungen genutzt werden konnten. Noch im Jahr 2000 legte die Familie Pfaff-Schirmer überarbeitete Pläne vor, die sich an „Center Parcs“ orientierten. Branchenriese TUI wollte sich um die Vermarktung kümmern. Die Gemeinde hielt diese Pläne für eine Luftnummer und beauftragte die Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises mit der Suche nach einem Nutzungskonzept. Das Gutachten ergab: Zukunft habe ein Ferienpark mit Kongresshotel. Der Rat gab sein Plazet für eine touristische Nutzung. Erste Pläne wurden gezeichnet. Aber auch hier soll der von der Gemeinde geforderte grundbuchlich verbriefte Verzicht auf ein Dauerwohnrecht die Pläne zunichte gemacht haben. Im Jahre 2000 schloss der Park endgültig. Die Vögel wurden bis auf ein paar Pfauen verkauft.

Auch Christoph Schlüter und sechs seiner Freunde wollten es versuchen, wollten auf diesem Gelände etwas auf die Beine stellen. Sie glaubten, an dem Ort ihr Glück machen zu können. Sie kommen aus Bad Rothenfelde und zwei Nachbargemeinden, die größte hat etwas mehr als 10000 Einwohner. „Wir waren der Meinung, dass es hier mehr geben muss als Schützenfeste“, sagt Christoph Schlüter. Nämlich Elektropartys. Der Name der Veranstaltungsreihe: „Bird the Move“. Durch diese Parties besuchte ich den Vogelpark das erste mal.

Von 2001 bis 2004 organisierten er und seine Freunde auf dem Gelände des ehemaligen Vogelparks fünf Partys, schon zur ersten kamen 1800 Leute. Die Veranstaltungen waren weit über die Region hinaus bekannt. Seit 2001 waren so illustre Gäste wie Jens Lissat, Voodooamt a.k.a. Patrick Lindsey, Vanguard (LIVE), Dr. Motte, Dweed, Genlog (LIVE), Mike Litt, DJ Larse, Sebbo, Terry Lee Brown jr. , Chrissi D!, Thomas Schumacher und Moguai bei zu Gast auf den legendären Bird the Move Partys. Wobei das Highlight zweifelsohne Bird the Move II war. Hier legte Sven Väth die Platten auf die Teller. Um so einen internationalen Top-DJ zu buchen, muss man in der Szene schon einen guten Namen haben – Bird the Move war zwar überregional bekannt – ein solches Priveleg genoss aber diese Partyreihe auch nicht. Daher bedienten sich die Macher eines besonderen Tricks: Sie ersteigerten den Künstler einfach bei eBay! Neben all den Star DJs sollen die lokalen & regionalen Größen nicht unerwähnt bleiben: Fiege, Movemaster K, Crizz, Tobias Thompson, Floan Funk, Chris Tough, James MD, Steve Stix, Dan Cell, KonPresS, Marc Gunner, Bonsai, DJ Mücke, Flo, Goldfinger, Dan Reveller, Cybergasm, Sascha Goewert, Marc Aurel und Magnetic waren im Dienst der guten Laune.

Auf der immer noch aktiven Internetseite von Bird the Move könnt ihr sogar einige kurze Videos von Bird the Move 4 anschauen. Hier ist noch ein vollständiger Artikel zu Bird the Move und dem Brand aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 11.07.2004 :

Rübe meets Motte – Nach dem Ende der „Love Parade“ ist Techno endlich wieder dort angekommen, wo er hingehört:
in der Provinz!
Zum Beispiel bei „Bird the Move“ in Bad Rothenfelde.

Ein DJ, der etwas auf sich hält, und die Bewohner der Provinz haben eines gemeinsam: Spitznamen. DJs nennen sich Dr. Motte, Fatboy Slim oder Hell. In der Provinz heißen die Leute Puschen, Dotter, Pöhler oder Zipp. Einer hat sogar beides unter einen Hut bringen können: Westbam, alias Westphalia Bambaataa. Sein richtiger Name lautet Maximilian Lenz, er ist gar nicht so weit entfernt von der Gegend aufgewachsen, wo sich Jungs, die genauso alt sind wie Westbam (Ende Dreißig) und die zwar nicht ihn, aber seine Musik kennen, seit Jahren Kracher, Unkerich oder Mauschel nennen, Rübe, Mügge oder Aaschi. (Einen aus dem Nachbarort nannte man Udo80, weil er einmal auf dem Schützenfest in einer Nacht achtzig Flaschen Bier getrunken haben soll, aber vielleicht ist das nur eine Legende.) All diese Jungs tragen ihre Spitznamen seit der Zeit, als sie gemeinsam Fußball zu spielen begannen, ihre Mofas frisierten, mit Überlandbussen in die Schule und sonntags im Bulli zum Auswärtsspiel fuhren. Fußball ist hier, am südlichen Rand des Teutoburger Waldes, noch immer das höchste gesellschaftliche Ereignis des Wochenendes – neben den Schützenfesten und den Stoppelfeldrennen im Sommer natürlich. Wenn am Sonntag die „1. Herren“ spielt, stehen sie da, irgendeiner kommt immer mit einem Tablett Pils vorbei, reihum spendieren sie sich die Runden, ihre Frauen stehen etwas abseits mit den Kindern, die bald auch Fußball spielen und ihre Spitznamen bekommen werden. Wie die entstehen, ist eine Wissenschaft für sich. Manche heißen „Willi“ nach ihren Vätern.

Es ist eine heile Welt. Der Soundtrack dieser Welt allerdings ist ohrenbetäubend. Es ist Techno. Wenn es um Techno geht, schaut die Republik sonst auf Berlin, wo am gestrigen Samstag eigentlich die „Love Parade“ hätte stattfinden sollen, nach endlosen Querelen aber abgesagt wurde. Dafür findet sie seit einigen Jahren eben hier statt: am Teutoburger Wald, auf der Grenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, in Bad Rothenfelde. Hans Meiser von RTL wurde hier geboren. Der bulgarische Zar kam Anfang des vorigen Jahrhunderts zur Kur. General Wenk, der im Frühjahr 1945 mit der 12. Armee das belagerte Berlin entsetzen sollte, hat hier seinen Lebensabend verbracht. Bad Rothenfelde ist ein frühpensioniertes Heilbad mit Gradierwerken, Ententeichen, Herzkliniken, einer Niedersachsenligamannschaft (derzeit 4.Platz) und einem Vogelpark. Er liegt am Ortsausgang, zwischen Raps und den Kuhweiden der Bauernschaften. Dieses „Vogelparadies“ stand jahrelang leer. Bis sieben Jungs – mit Spitznamen oder ohne, vier Studenten, ein Buchhalter, ein Produktmanager und ein Privatier – auf die Idee kamen, in den Gewächshäusern zwischen Palmen und Glas Technopartys zu feiern. „Bird the Move“ begann am 20. Oktober 2001. Seither hat es drei weitere Partys gegeben, die fünfte findet am nächsten Samstag statt. Inzwischen haben Szenegrößen wie Dr. Motte und sogar Sven Väth bei „Bird the Move“ aufgelegt. Als er kam, es war der zweite „Bird the Move“, hatte Väth wohl erwartet, auf einem Schützenfest zu spielen. Dann sah er die Palmen, die Mädchen, war hin und weg und spielte tropische vier Stunden lang. 2500 Menschen waren da, der Bass war bis ins nächste Dorf zu spüren. Bisher kamen immer weit mehr als tausend Raver zu „Bird the Move“ angereist – aus dem Umland, aus dem Ruhrgebiet, ja sogar aus Stuttgart. Techno hat zwar seine Epizentren – die „Love Parade“ natürlich, den „Mayday“ in der Dortmunder Westfalenhalle oder „Sonne, Mond, Sterne“ im thüringischen Saalburg. Doch im Herzen ist Techno eine Graswurzelbewegung: Schafft zwei, drei, viele Partys! Nur eine davon ist „Bird the Move“, aber wohl die einzige in einer Voliere. Die sieben Veranstalter kannten sich von solchen Partys oder weil sie in der gleichen Straße wohnen, und sie hatten keine Lust mehr, in die umliegenden Clubs von Bielefeld, Münster und Osnabrück oder noch weiter zu fahren, um dort zuviel Geld für zuwenig Spaß zu zahlen. Außerdem wollten sie alle schon immer einmal selbst eine Party auf die Beine stellen. Nur wo? Es mußte, um Erfolg zu haben, ein sehr exklusiver oder sehr ausgefallener Ort sein, eine verlassene Lagerhalle etwa oder ein stillgelegter U-Bahnschacht.

In Bad Rothenfelde fahren jedoch nur Überlandbusse. Das „Vogelparadies“ allerdings stand leer. „Ich wußte sofort“, sagt Christoph Schlüter, der Privatier, „daß diese Location burnen würde.“ Christoph Schlüter ist 27 und mit der Tochter des Betreibers zur Schule gegangen. Der Betreiber des insolventen Vogelparks läßt die sieben von „Bird the Move“ frei schalten und walten. Bis heute. Die Wege sind kurz in einem kleinen Ort wie Bad Rothenfelde, dessen Schützenfest aus Prestige „Heimatfest“ heißt und das um seine Kurgäste eigentlich immer besorgter war als um seine Kinder. Aber manche dieser Kinder sitzen inzwischen im Rathaus, was hilft, um in einem leisen Kurbad einen lauten Rave abzuhalten. Es gebe natürlich Beschwerden, sagt Christoph Schlüter, aber „die Gemeinde ist sehr human“. Wenn die Raver nach Bad Rothenfelde kommen, schlagen sie ihre Zelte am Waldrand beim Vogelpark auf, feuern die Holzkohlengrills an und feiern, schon Stunden bevor die erste Platte sich auf den Tellern zu drehen beginnt. Sie nehmen viel Bier und andere ungesunde Substanzen zu sich. Dann tanzen sie die Nacht hindurch. Die gestylten Gestalten tun es zu House-Musik im „Tropenhouse“, die Cargohosen zu Techno im „Subtropia“, dem alten Cafe des Vogelparks, dessen Stahlträger der Sache den nötigen Anstrich von Industrie geben. Die Losung, sagt Christoph Schlüter, heiße „Back to Party“, weswegen sie keinen puristischen Techno buchen und keine „Bretterköpfe“, sondern „Electrotrancehouse“ oder „Techhouse to Techno to Electro“. Wir geben aber nur die Plattform, sagt Schlüter. Die Leute besorgen den Rest.

Zum Beispiel beim Auftritt von Sven Väth vor zwei Jahren. Als die Männer von der Feuerwehr mal nicht aufpaßten, weil sie sich gerade eine kalte Cola von der Bierbude holten, stieg irgendein Raver in einen geparkten Leiterwagen, verriegelte von innen die Türen, schaltete Blaulicht und Sirenen an und feierte so lange im Führerhaus weiter, bis die Feuerwehr mit der Axt das Fenster einschlug, um dem Spuk ein Ende zu bereiten. Es wurde viel gelacht. Es ist eine heile Welt. Auch vor drei Wochen, in einer Freitag nacht, rückte die Wehr zum Vogelpark aus. Allerdings nicht, um einen Durstigen vor sich selbst zu retten, sondern um ein flammendes Inferno zu löschen, das den Vogelpark in Schutt und Asche legte. Beton schmolz, Gehwegplatten stellten sich auf, nur die Stahlgerüste blieben stehen. Stunden zuvor hatten die sieben Veranstalter die Palmen noch gewässert und ein paar Disteln ausgerupft, es sei feucht gewesen, als sie gingen. Brandstiftung? Die Polizei vermutet, daß eine alte Sitzgruppe, „unser Chillout-Sofa“, sagt Christoph Schlüter, zu brennen begonnen habe. „Im Vogelpark wird nie wieder eine Party stattfinden“, schrieb einer der Veranstalter konsterniert seinen Freunden. Dem fünften „Bird the Move“ drohte ein ähnliches Ende wie der „Love Parade“. „Das hat dir erst mal das Herz herausgerissen“, sagt Christoph Schlüter. Dann betranken sich die sieben einmal nach Kräften im Cafe Horstmann und rauften sich zusammen. Jetzt stellen sie kurzerhand ein Zirkuszelt in den Vogelpark, neben die verkohlten Ruinen des Tropenhauses. Dort wird Techno laufen, auf der unversehrten Terrasse spielen sie House. Die „Love Parade“ ist am Finanzrisiko gescheitert, „Bird the Move“ aber hat nicht mal ein Feuer aus dem Vogelparadies vertreiben können. In der Provinz, wo die Leute nicht Motte, sondern Kracher heißen, wirft einen eben so leicht nichts um. Das nennt man Bodenständigkeit.
Oder, in den Worten Westbams, des DJs, der aus der Provinz kam: „We’ll never stop living this way.“

Die damalige Besitzerin des Geländes, Angela Schirmer, hatte es Christoph Schlüter und seinen Freunden verpachtet. Sogar die Gemeinde habe ihre Partys gut gefunden, sagt er. Im Februar 2004 musste die Familie schließlich Insolvenz anmelden und nur wenige Monate später brannte das Tropenhaus nieder. Später wird Christoph Schlüter sagen, dass das einer der schlimmsten Momente seines Lebens war. Die Polizei schloss damals Brandstiftung nicht aus; die Ermittlungen wurden ohne Ergebnis eingestellt, weil das Feuer alle Spuren zerstört hatte. Nebel hing über dem Gelände, Vögel ziehen über das Hallengerüst hinweg. Man hört ihr Schreien, aber sieht sie nicht durch das dichte Grau. Ursprünglich war die Halle überdacht, doch beim Brand schmolzen die PVC-Platten. Das Plastik tropfte auf Bäume und Pflanzen. Von den üppigen grünen Palmen blieben nur verkohlte Stümpfe übrig. Danach übernahm die Natur den Park Stück für Stück. Quelle: http://www.weser-kurier.de, privat, Original-Prospekt, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

2009 gab es Pläne, auf dem Gelände ein Villenviertel zu errichten. Anfang Februar 2014 begann der Abriss.
Mittlerweile ist dort ein Solarpark errichtet worden.

[Fotos aus dem Jahr 2009]

2 Antworten auf Vogelparadies Bad Rothenfelde (abgerissen 2014)

  1. Pingback: Historischer Prospekt: Vogelpark Bad Rothenfelde | Auferstanden aus Ruinen

  2. Mensch, da hat sich ja eine richtige Fundgrube augetan! Super Bilder, die bringen noch einmal richtig Leben in deine Beiträge, vor allem hier finde ich es mal interessant alte Bilder zu sehen. Durch den Bewuchs kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie es dort einmal war und das obwohl ich früher ja selbst mal vor Ort gewesen bin, die Bilder bringen da wieder ganz anderes Leben in den Bericht und jetzt mus sich sagen, ärgert es mich richtig, dass es diesen Park nicht mehr gibt, denn ansich sieht es nach einem ehemals sehr schönen Ausflugsziel für die ganze Familie aus…

    LG
    Phil

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